print preview Zurück zur Übersicht Startseite

Rekrutierung mit Stockmass und Zahnkontrolle

Die Armee benötigt jedes Jahr Pferde für die Traintruppe. Sie erwirbt dafür Freiberger und einzelne Maultiere. Der diesjährige Ankauftag stand unter dem Einfluss der Coronapandemie. Doch die misslichen Umstände taten der Qualität der gekauften Tiere keinen Abbruch. 26 Trainpferde rücken bald zu ihrem ersten WK ein.

06.01.2021 | Kommunikation Verteidigung, Fahrettin Calislar

DSC06890
Die zukünftigen Trainpferde müssen verschiedene Tests bestehen, ehe die Armee für sie den Züchtern ein Angebot macht. © VBS/DDPS, Fahrettin Calislar

Rund 20'000 Frauen und Männer treten pro Jahr den Dienst in der Schweizer Armee an. Sowie 20 bis 30 Freiberger und Maultiere. Denn einmal im Jahr kauft die Armee Packtiere für ihren Train, für jene Spezialfunktion, die auch Transporte im unwegsamen Gelände ermöglicht. Der Ankauf der vierbeinigen Rekruten findet unter der Leitung von Oberst Stéphane Montavon, Chef Veterinärdienst, statt.

Ohne Corona ein Volksauflauf

Ohne Corona ist der Ankaufstag ein Ereignis. Nicht nur die Züchter der traditionell für die Aufgabe verwendeten Freiberger kommen dafür nach Bern, sondern auch viel Volk. Nicht so dieses Jahr. Im Nationalen Pferdezentrum (NPZ) in Bern präsentierten Züchter unter Ausschluss der Öffentlichkeit rund 30 Tiere. Zum Vergleich: Letztes Jahr erstand die Armee auf diesem Weg 23 Pferde und ein Maultier. Er sei froh, bilanziert Oberst Montavon, dass sich doch so viele Züchter der Schau stellten. Mit der Qualität des Angebots sei er zufrieden gewesen.

Weiterbildung für Jungpferde

Die Tiere werden während der Schau auf Herz und Nieren geprüft, zuerst äusserlich, am nächsten Tag eingespannt vor einem Wagen. «On est d'accord?», fragt Montavon während des Prüfungsparcours. Seine Kollegen nicken. Die Züchter erhalten aufgrund der Performance ihrer Tiere ein Preisangebot. Dieses sei marktgerecht, betont Montavon. Am Schluss des Verfahrens kauft die Armee dieses Jahr 26 Pferde und ein Maultier. Die Tiere erhalten eine Weiterbildung im NPZ und leisten bei der Truppe einen «Angewöhnungs-WK», wie es Montavon nennt. So lernen sie, auf dem Rücken eine Oberlast zu tragen.

Dann werden sie wieder veräussert. Viele Tiere gehen an Trainsoldaten, mit denen sie im Dienst ein Duo bilden, den Rest nehmen die Pferdelieferanten zurück. Die Tiere werden dann für zwei bis drei Monate pro Jahr der Armee vermietet. In ihrer «Freizeit» werden sie für ähnliche Aufgaben wie für das Holzrücken im Wald eingesetzt, so Montavon weiter. Die Tiere erhalten dafür sogar Sold, 40 Franken pro Tag, ausbezahlt an den Besitzer.

Vielseitigkeit ist Trumpf

Freiberger sind jene Rasse, deren Zentren das namensgebende Gebiet im Jura und das Nationalgestüt in Avenches sind. Sie seien ideal für den Dienst als Tragtiere, sagt Montavon. Die Vierbeiner werden in Gebieten eingesetzt, die kein Fahrzeug erreicht und wo auch Helikopter nicht immer geeignet sind. Sie gelten als genügsam und haben ein friedliches Naturell. Man könne sie nicht nur für Transporte nutzen, sondern auch zum Reiten und als Zugtiere. Üblicherweise übernimmt der Train vereinzelt auch Maultiere. So bewahrt die Armee das nötige Know-how, das in der Bevölkerung zusehends verloren geht.

Jene Pferde übrigens, die primär als Reittiere für Patrouillen eingesetzt werden – zum Beispiel bei repräsentativen Anlässen, aber auch für die Aufklärung –, werden zu einem späteren Zeitpunkt selektioniert. Für welchen Einsatz auch immer: Die Armee sorgt sich darum, dass die Truppe gutes Material erhält, um ihren Auftrag erfüllen zu können. Und sie sichert nebenher auch das Bestehen einer typisch schweizerischen Pferderasse.

Die Armee, dein Freund und Käufer

Die Armee sichert durch den Kauf von Pferden nicht nur Einsatzmittel für die Truppe. Sie spielt auch eine wichtige Rolle für den Erhalt der Freiberger und ist heute noch immer die grösste Käuferin dieser Rasse. Früher sei sie sogar federführend in der Zucht der Tiere gewesen, erinnert Marie Pfammatter, Geschäftsführerin des Schweizerischen Freibergerzuchtverbandes. Zum Vergleich: Vor rund hundert Jahren standen gegen 66'000 Pferde im Dienst der Armee. Vor allem in schlechten Jahren war und ist die Armee noch immer für die Züchter mit ihren Ankäufen ein sicherer Wert. Im Gegenzug bemühten sie sich darum, der Armee möglichst hochwertige Tiere anzubieten. Eine ideale Symbiose.

Fotos