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Die Schweizer Armee im Taschenbuchformat

Von 1958 bis 1974 wurde das Soldatenbuch an die Truppe verteilt. Der Untertitel «Auf Dich kommt es an!» gab die Stossrichtung bereits unmissverständlich vor. In drei Hauptthemen gegliedert, erfuhr der Wehrmann auf 384 Seiten alles Wissenswerte über die Schweiz und ihre Armee.

09.10.2020 | Kommunikation Verteidigung, Michael Senn

Handlich wie es ist, würde das Soldatenbuch auch heute noch gut in die Beintasche passen. (VBS/DDPS: Samuel Ebneter)
Handlich wie es ist, würde das Soldatenbuch auch heute noch gut in die Beintasche passen. (VBS/DDPS: Samuel Ebneter)

Eine Abbildung des Bundesbriefs von 1291 ist das Erste, was dem Leser ins Auge sticht. Damit wird der erste Abschnitt des Soldatenbuchs eingeleitet. Nach dem Vorwort, das die vom Bundesrat beabsichtigte Stärkung des «Sinns für die Landesverteidigung» erläutert, folgen auf rund 90 Seiten staatsbürgerliches Grundwissen: Demokratieverständnis, Schweizerische Eigenheiten, Arbeit, Familie und Bildung werden behandelt.

Unverblümter militärischer Hauptteil

Mit dem Titel «Du wirst Soldat» beginnt der militärische Hauptteil. Grundvoraussetzungen wie Fitness, Kameradschaft, Dienstfreude und Disziplin bilden den Einstieg. Kurz darauf folgt schon das Schreckgespenst des Kriegs: «Kriegsgefahr!», «Gesetze und Gebräuche des Krieges» und «Kriegsmobilmachung!» sind Themen, deren Inhalte so unverblümt formuliert sind, dass die Ernsthaftigkeit und politische Stimmung der damaligen Zeit unverkennbar sind: 

Der Krieg ist total. Er macht nirgends halt und verschont die Wohnzentren nicht. Die Front ist überall. Katastrophen werden eintreten.

 

Im Folgenden werden verschiedene Kriegsmittel wie Propaganda, Atomwaffen, chemische und biologische Waffen sowie Panzer, Flieger und Artillerie beschrieben. Hier wird nicht nur auf deren Gefahren hingewiesen, sondern auch Wege zur Bekämpfung und, wo vorhanden, der eigene Einsatz dieser Kampfmittel gezeigt.

Königin Infanterie

Der Infanterie wird bei der Kriegsführung besondere Bedeutung beigemessen. «Bei der Infanterie liegt unsere Chance» lautet die Überschrift. «Unsere ganze Armee müssen wir als nichts anderes als eine durch alle anderen Waffengattungen wie Luftwaffe, Panzerwaffe, Artillerie, Genie und übrige Spezialtruppen verstärkte Infanterie betrachten.» Ein feindlicher Angriff wird für die Schweiz als «Kampf des kleinen David gegen den Riesen Goliath» dargestellt; einer von vielen biblischen Verweisen. «Wir sind in der Lage, jeder feindlichen Infanterie eine ebenbürtige oder sogar überlegene Infanterie entgegenzustellen, wenn nicht an Zahl, so doch an Qualität».

Verschwundene Truppengattungen

Beinahe 100 Seiten später folgt der «Aufbau der Armee». Jede einzelne Truppengattung wird aufgeführt und beschrieben. Auf die Infanterie und die Militärmusik folgen die «Leichten Truppen». Gemeint sind die Kavallerie, Motordragoner, Radfahrer, Panzersoldaten, Panzergrenadiere, Motoraufklärer, Panzerjäger, Panzerabwehrkanoniere und Minenwerferkanoniere. Funktionen also, die zwischenzeitlich grösstenteils weiterentwickelt, fusioniert oder ganz abgeschafft wurden. Es folgen zahlreiche andere Truppengattungen, von denen einige den Wandel der Zeit nicht überstanden haben, beispielsweise die Festungstruppen, der Luftschutz oder der Frauenhilfsdienst. Abgeschlossen wird das Buch durch Liedertexte und die letzte Seite ziert eine Luftaufnahme der Schweiz.

Lange Nachwirkung

Reglemente wie das Dienstreglement, die Grundschulung und das Brevier haben nach 1974 grosse Teile des Soldatenbuchs ersetzt und somit abgelöst. Dennoch hat das praktische Taschenbuch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 1986 lehnte der Bundesrat einen Vorstoss des damaligen Nationalrats Markus Ruf ab, der eine Wiedereinführung des Soldatenbuchs forderte. Die Begründung lautete, dass «der Bundesrat die Information der Truppe und des einzelnen Wehrmanns als ausreichend betrachte».

Auf jeden Fall lohnt sich die Lektüre des Soldatenbuchs noch heute. Es vermittelt dem Lesenden die Spannungen und die Ernsthaftigkeit der Zeit des Kalten Kriegs. Die aktuelle Sicherheitslage der Schweiz erfordert zum Glück keine derartigen Publikationen.

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