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After Action Review: Versprechen in die Tat umsetzen

«Offene, direkte und ungefilterte Wortmeldungen» wolle er hören, sagte Korpskommandant Aldo C. Schellenberg zu Beginn des After Action Reviews am 23. Juni. Knapp drei Monate nach dem Anlass ist es Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Was bleibt vom Anlass in der Guisankaserne, der einen Kulturwandel in Richtung adaptiver und lernbereiter Armee einleiten sollte?

15.09.2020 | Kommunikation Verteidigung, Michael Senn

Korpskommandant Thomas Süssli forderte die Kommandanten auf, auch in ihren Einheiten den offenen Dialog mit den Unterstellten zu suchen und es Korpskommandant Schellenberg gleichzumachen. (Fotos: VBS/DDPS, Jan Pegoraro)

«Schonungslose Ehrlichkeit» lässt Handlungsbedarf erkennen

Rund 60 Kompanie- und Bataillonskommandanten folgten der Einladung des Chefs der Armee, Korpskommandant (KKdt) Thomas Süssli, und des Kommandanten subsidiärer Einsatz, KKdt Aldo C. Schellenberg, zum After Action Review (AAR) des Assistenzdiensts «Corona 20» in die Guisankaserne in Bern. Ziel des Anlasses war es, Handlungsbedarf zu erkennen und diesen in den ordentlichen Aktionsnachbereitungsprozess (ANP) einfliessen zu lassen. So sollen später gezielt Massnahmen befohlen und umgesetzt werden können.

Die Kommandanten konnten per Handy einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. An ihrem Votum war zu erkennen, dass vor allem in den Punkten Kommandoordnung, Verfügbarkeit des Einsatzmaterials sowie die Staffelung der Mobilmachung am meisten Diskussions- und somit auch Handlungsbedarf bestehe.

Drei Hauptdiskussionspunkte herauskristallisiert

Da die Sanitätsformationen schweizweit, zentral und aus einer Hand durch die Logistikbrigade 1 eingesetzt und geführt wurden, ergaben sich für die Kommandanten aller Stufen zu Beginn des Einsatzes zahlreiche ungewohnte Schnittstellen und Rollenerwartungen. Dies führte bisweilen zu Unklarheiten die Verantwortlichkeiten, Aufgaben und Kompetenzen betreffend. Ein ähnliches Bild ergab sich für die Formationen, die zur Unterstützung der Eidgenössischen Zollverwaltung an der Grenze eingesetzt wurden und sich manchmal als «Diener vieler Herren» fühlten. Als Lösungsansatz wurden insbesondere vermehrt direkte Absprachen und Rollenklärungen mit allen beteiligten Partnern gefordert. Zudem sollte künftig vermehrt mit allen relevanten Partnern trainiert werden («Übe, wie du kämpfst!»).

Zum Themenbereich Material gab es stark divergierende Meinungen. Es gab Wortmeldungen, die von einer Zusammenarbeit, die keine Wünsche offen liess berichteten – andere erlebten Verzögerungen bei der Materialbereitstellung oder zu langsame Wiederalimentierungen. Zudem seien die Grundausrüstungsétats für einen Echteinsatz nicht zielführend, sondern müssten flexibler angepasst werden können. Dennoch waren sich alle darin einig, dass für jedes Problem eine Lösung habe gefunden werden können und die Logistikbasis der Armee einen grossartigen Job gemacht habe. Künftig sei für längere Einsätze darauf zu achten, dass von Anfang an genügend Ausbildungsmaterial für diejenigen Truppenteile zur Verfügung steht, die sich als Reserven bereithalten und in dieser Zeit ihre Ausbildung vertiefen sollen.

Das Personalmanagement sorgte bisweilen für Konfliktpotential mit Unterstellten, Angehörigen und Arbeitgebern. Viele Kommandanten fühlten sich durch die Militärverwaltung, die vorgesetzten Stellen und die zur Verfügung stehenden Informatikmittel nur unzureichend unterstützt bei der Bewältigung der Masse an Gesuchen um Urlaub oder Dispensationen. Dazu beigetragen hat auch die Tatsache, dass es phasenweise zur Bildung grosser Reserven kam, was dazu führte, dass ein Teil der Truppe nicht unmittelbar im Einsatz stand. Ursache dafür war der rasch einsetzende Erfolg der Massnahmen des Bundesrates zur Eindämmung der Pandemie. Als sich die Armeeführung für die Variante «all in» entschied, waren die Anzahl Gesuche der Kantone um militärische Unterstützung im Gesundheitswesen stark ansteigend. Glücklicherweise war der Zenit dann rasch überschritten, sodass die gebildeten Reserven schnell wieder abgebaut werden konnten.

Übergang in die Umsetzungsphase

Anfang August stellte KKdt Schellenberg den Kommandanten das Protokoll des Anlasses mit einem Begleitschreiben zu. In diesem werden die weiteren Schritte konkret genannt. Die Rückmeldungen sind in der Zwischenzeit in den ordentlichen Aktionsnachbereitungsprozess (ANP) geflossen.

Die daraus resultierenden Konsequenzen werden per Mitte September im Befehl für die Umsetzung der Massnahmen aus dem ANP angeordnet. Somit wird sichergestellt, dass die gemeinsam erarbeiteten Lösungsansätze auch in die Tat umgesetzt werden. Die anwesenden Kommandanten konnten also beim After Action Review den Aktionsnachbereitungsprozess auf Stufe Armee entscheidend mitprägen.

Erster Schritt für angestrebten Kulturwandel

Die After Action Review vereinte die Milizkommandanten aller Stufen und aller Aufgabenbereiche. Infanteristen, die zum Schutz der Grenze eingesetzt waren, sprachen mit Sanitätern, die das Gesundheitswesen unterstützten; und Militärpolizisten, die an den Grenzübergängen Kontrollen durchführten, hörten, wie es den ABC-Spezialisten ergangen ist bei der Unterstützung des ABS-Labors Spiez. Hauptmann Alfons Hophan, Kommandant der Kompanie 2 des Spitalbataillons 66, drückte es wie folgt aus: «Wir konnten sagen, was nicht so gut lief und was wir bei einem zweiten Mal besser machen können und sollten. Und dieser Wille, sich verbessern zu wollen und auch kontinuierlich besser zugunsten der Schweizer Gesellschaft einen Beitrag leisten zu können, der war heute spürbar – und das hat mich stark beeindruckt.»

Der Anlass, der in dieser Form ein Novum darstellte, konnte der Erwartungshaltung des Chefs der Armee gerecht werden. Dieser will mit dem AAR und weiteren ähnlichen Anlässen einen Kulturwandel in Richtung direkter und offener Kommunikation zwischen allen Involvierten erreichen. Die Armee soll eine moderne und lernbereite Organisation sein, die als vielseitiges Gesamtsystem für alle Bedrohungsarten gewappnet ist.

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