print preview Zurück zur Übersicht Startseite

Rapport auf dem Rütli - Wie General Guisan den Widerstand entfachte

Es ist 80 Jahre her, dass Generel Henri Guisan mit dem Armeerapport auf dem Rütli das Réduit national lanciert hat: die Konzentration der Schweizer Armee im Alpenraum während des Zweiten Weltkrieges. Das Konzept erreichte seine optimale Abwehrkraft erst 1942, doch die Wirkung auf den Widerstandswillen war immens.

24.07.2020 | Kommunikation Verteidigung, Fahrettin Calislar

Der Rapport auf dem Rütli von Ende Juli markierte den Beginn des Rückzugs der Armee in befestigte Stellungen im Zentralraum.
Der Rapport auf dem Rütli von Ende Juli markierte den Beginn des Rückzugs der Armee in befestigte Stellungen im Zentralraum. (© Theo Frey / Fotostiftung Schweiz / Schweizerisches Bundesarchiv)

1940 hatte die deutsche Wehrmacht die französische Armee in sechs Wochen geschlagen und die Schweiz war militärisch eingekreist. Die Armee hatte für einen Abwehrkampf weder die nötigen Waffen noch Reserven. Die Moral war schlecht und mit der ersten Demobilisierung verbreitete sich die Krisenstimmung in der Bevölkerung. Sogar der Bundesrat schien keine klare Position zu vertreten. Viele Offiziere befürchteten, die Landesregierung würde unter deutschem Druck einknicken.

Bedrohung nicht erwiesen

Wie unmittelbar die Bedrohung durch Hitler war, sei heute unklar, räumt Militärhistoriker und MILAK-Professor Rudolf Jaun ein. Es bestanden zwar Angriffspläne, aber es herrsche Uneinigkeit darüber, ob sie als «ungefährliche Fingerübungen unterbeschäftigter Deutscher Stäbe ohne Absichten oder als potenziell hochgefährliche Grundlagen für einen Angriff» zu bewerten seien. Sie sahen die rasche Besetzung der Städte und Industriegebiete des Mittellandes vor. Die erfolgsverwöhnten Deutschen erachteten die Schweizer Milizarmee als schwach, schreibt Jaun in seiner «Geschichte der Schweizer Armee» von 2019.

Dem Schweizer Oberbefehlshaber General Henri Guisan war klar: Er musste handeln und den Widerstandswillen in der Bevölkerung entfachen. Er griff dafür auf ein altes Konzept zurück: den Rückzug des Gros der Armee in die Alpen. Am 22. Juni am Tag, als Frankreich kapitulierte, lud Guisan zur Konferenz der Armeespitze ein.

Rückzug ins Réduit

Zuerst war die Idee, dass die Armee sich erst bei einem Durchbruch feindlicher Truppen ins Alpengebiet zurückziehen würde. Die Zuspitzung der Lage führte jedoch zum Entschluss, den Plan sofort umzusetzen. Guisan bezweifelte, dass die Armee in der Lage war, die Abwehrstellungen über die ganze Länge des Mittellandes zu verteidigen. Der Rückzug in die Alpen ging einher mit einer kürzeren Front.

Das Réduit war Guisans wichtigster Entscheid als General und eine militärische Notlösung mit hohem Risiko, so Jaun. Guisan musste Anhänger wie auch Zweifler auf das neue Dispositiv einschwören, sich aber auch gegen armeeinternen Widerstand durchsetzen. Ein Teil der Generalität kritisierte, dass mit dem Bezug des Réduits drei Viertel des Landes preisgegeben würden. Ein anderer Teil fand, dass die Armee sich sofort und vollständig zurückziehen müsse. Dies war aber logistisch so schnell gar nicht möglich.

«Wir können von allen Seiten zugleich angegriffen werden. Doch wir werden unserer jahrhundertealten Unabhängigkeit bis zum Schluss Achtung zu verschaffen wissen.» Armeebefehl Nr. 11900 des Oberbefehlshabers der Schweizer Armee vom 25. Juli 1940.
«Wir können von allen Seiten zugleich angegriffen werden. Doch wir werden unserer jahrhundertealten Unabhängigkeit bis zum Schluss Achtung zu verschaffen wissen.» Armeebefehl Nr. 11900 des Oberbefehlshabers der Schweizer Armee vom 25. Juli 1940. (© Theo Frey / Fotostiftung Schweiz / Schweizerisches Bundesarchiv)

Der Entscheid fällt

Guisan hatte drei Trümpfe im Ärmel: Mit dem Rückzug sparte die Armee Kräfte. Der Ausbau der Stellungen im Gebirge und im Alpenvorraum ermöglichte den Soldaten den Kampf unter einem dichten Feuervorhang und unter optimaler Ausnützung des Geländes. Und die Kontrolle der Alpenübergänge gab der Schweiz einen Vorteil bei Verhandlungen: die Armee konnte die Pässe offenhalten, effektiv verteidigen oder zur Not auch zerstören.

Am 12. Juli 1940 informierte Guisan den Bundesrat über den Plan, fünf Tage später wurde der Befehl an die Armee verbreitet, und schon am 19. Juli bezogen Teile der Armee Stellungen in den Voralpen.

Widerstand bis zum Letzten

Guisan hatte der Armee mit dem Verschanzen in den Alpen eine gewagte Strategie befohlen. Um den Plan zu erklären, versammelte er alle Kommandanten ab Stufe Bataillon am 25. Juli 1940 auf dem Rütli. Er erklärte ihnen das Konzept, damit sie es verbreiten konnten – bis hinunter zum einzelnen Milizsoldaten. Die Schweiz könne sich nur Respekt verschaffen, so Guisan, indem sie ihren Willen zum Widerstand bekunde und bereit sei, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Am 1. August richtete er sich mit dieser Botschaft im Radio auch an die Bevölkerung.

Dass die Wahl des Standortes dabei auf das Rütli fiel, ist für Jaun naheliegend. Die Wiese ist noch heute für die Schweizer Identität bedeutend, als «der Ort, an dem die zentrale Imagination der Staatsgründung und der fortdauernden Staatsexistenz festgemacht wurde.» Aufgrund dieses Symbolcharakters war gemäss Jaun jedem klar: «Was hier imaginär begründet wurde, stand nun real auf dem Spiel.» Guisan versicherte seinen Kommandanten, dass er bereit sei, bis zum Letzten zu kämpfen, «koste es, was es wolle.»

Beginn der Geistigen Landesverteidigung

Nach dem Rapport ging ein Ruck durch die Bevölkerung. Der Widerstandswille erstarkte, unterstützt durch das Konzept der Geistigen Landesverteidigung. Während viele zuvor bereit gewesen waren, sich mit der neuen Ordnung Europas unter deutscher Herrschaft anzufreunden, hatte Guisan auf dem Rütli zur Verteidigung des Landes im Réduit aufgerufen. 

Die psychologische Entscheidungsschlacht auf der Bergwiese

In den Bergen wurden Festungen, Bunker und Maschinengewehrstellungen gebaut, die Feldartillerie wurde verschanzt. Unter ihrem Schutz sollten die Schweizer Divisionen der Deutschen Wehrmacht in einem infanteristischen Kampf auf Augenhöhe begegnen. Erstellt wurden zudem Zeughäuser, Lagerräume, Baracken, Kavernen und Unterstände. Die Armee musste nicht nur bis zu 358'000 Soldaten sowie 46'000 Pferde im Alpenraum versorgen können, sondern auch die Lokalbevölkerung, sprich eine halbe Million Menschen. General Henri Guisan präsentierte das Konzept der Öffentlichkeit erstmals am Treffen der Offizierskader auf dem Rütli in den politisch und militärisch brisanten Julitagen 1940. Es sollte der moralische Wendepunkt der Schweizerischen Wehranstrengungen sein. Trotzdem war das Réduit, lanciert vor 80 Jahren, erst ab 1942 vollständig bereit. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Kriegsglück allmählich schon gegen Deutschland gewendet. 1944 wurden Truppen aus dem Réduit an die Westgrenze verschoben, 1945 wurde der Réduitbefehl endgültig aufgehoben.

Bildergalerie