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Testen für den Ernstfall

In einem unscheinbaren Gebäude auf dem Kasernenareal in Dübendorf steht ein Paradies für jeden Technikliebhaber: die Test-, Integrations- und Schulungsumgebung vom Führungsnetz Schweiz. Im Kleinen ist hier ein Verbindungsnetz für die Übertragung von Daten aufgebaut, das in Realität die ganze Schweiz umspannt und mehrere Hundert Standorte miteinander verbindet. Damit das Netz der Armee im Ernstfall funktioniert, müssen neue Komponenten und kleine Veränderungen vorher ausführlich getestet werden. Das passiert in der Testumgebung in Dübendorf.

03.01.2020 | Leiterin Kommunikation Führungsunterstützungsbasis, Anna Muser

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Im Keller gibt es mehrere Tausend Kilometer Glasfaserkabel, aufgerollt auf Spulen. Diese Distanzen sind auch im realen Führungsnetz vorhanden und müssen entsprechend von den Signalen im Testcenter zurückgelegt werden.

Ein bisschen ist es wie in der Medizin. Kein Arzt würde einem Patienten ein Medikament verschreiben, das vorher nicht eingehend geprüft wurde. Zu lang wäre die Reihe von möglichen Nebenwirkungen, und es wäre kaum abschätzbar, was Spätfolgen beim Patienten sein könnten. Im schlimmsten Fall würde es dem Patienten nach der Behandlung schlechter gehen als davor. In der Medizin gibt es darum Versuche und Tests an Referenzorganismen zum Menschen, zum Beispiel an Affen oder Mäusen.

Ein technisches Versuchskaninchen

Ähnlich ist es auch mit dem Führungsnetz Schweiz. Das Netzwerk von rund 3000 km Länge verbindet etwa 300 Standorte. Um dieses komplexe System stabil zu halten, müssen neue Komponenten und Veränderungen ausführlich getestet werden, bevor sie tatsächlich zum Einsatz kommen. Was in der Medizin Nebenwirkungen von verabreichten Medikamenten sind, könnte beim Führungsnetz Schweiz Malware sein, die durch eine Komponente von einem externen Lieferanten ins System geschleust worden ist. Ein neues Element könnte auch dazu führen, dass andere Systeme kollabieren, die bis dahin einwandfrei funktioniert hatten.

Portier für Externe

Systeme und Produkte, die Teil des richtigen Netzes werden sollen, müssen zuerst den Test auf dem Referenzsystem bestehen. Ein Beispiel: Eine externe Firma wird damit beauftragt, für das Führungsnetz Schweiz eine Netzwerk-Überwachungssoftware zu liefern. Diese ist dazu da, Zustände aller Netzwerkgeräte zu sammeln und Störungen darzustellen. Wenn nun dieses Teilsystem direkt am richtigen Führungsnetz angeschlossen würde, könnte es sein, dass es mit anderen Systemen im Führungsnetz nicht richtig funktioniert und eine Kettenreaktion an Fehlern auslöst. Um dies zu verhindern, muss der Zulieferer am Referenzsystem in Dübendorf den Beweis erbringen, dass sein Tool mit den bereits bestehenden anderen Systemen zusammenpasst und den Anforderungen entspricht. Ein Ausfall auf dem echten Führungsnetz Schweiz wäre fatal und kann damit verhindert werden. Und: Die Tests bei der Führungsunterstützungsbasis (FUB) helfen dabei, die IKT-Systeme der Armee robust und hochsicher zu machen.

Viel Technik für viel Wirkung

Das Referenzsystem für das Führungsnetz Schweiz steht in Dübendorf in einem unscheinbaren Gebäude. Es gehört in den Aufgabenbereich der Führungsunterstützungsbrigade 41/SKS (Systeme, Kaderausbildung und Support). Auf den Ersten Blick sind das vor allem Schränke mit Racks drin, in denen zum Beispiel Router stehen, die wiederum mit verschiedenen Kabeln miteinander verbunden sind. Im realen Führungsnetz werden via Richtstrahl auch Standorte auf Berggipfeln über die Luft erschlossen. Um auch das simulieren zu können, stehen zwischen den Schränken grosse Antennen in Form von Schüsseln auf dicken Pfosten. In der Simulation leiten diese dann Informationen aus den Fenstern hinaus zu mobilen Empfängern. Das kann beispielsweise eine temporäre Truppeneinrichtung im Feld sein. In Dübendorf sind alle Technologien vorhanden, die von der FUB eingesetzt werden: Von vereinzelten Elementen aus dem Jahr 1950 über aktuelle Hightech von heute bis zu den ortsfesten Systemen der Zukunft ist alles unter einem Dach. «Die Anlage entspricht einem Prinzipabbild der Realität – einige Mitarbeiter der FUB nennen die Anlage auch FUB-Miniature», erklärt Tobias Kirchhofer. Er ist in Dübendorf für die Test-, Integrations- und Schulungsumgebung verantwortlich. Zusammen mit seinem Team bildet er auch alle aus, die das richtige Führungsnetz betreiben müssen.

Nicht nur Testcenter, auch Schulungsraum

Auffallend sind auch die Reihen an Schulbänken im Testcenter. Alles, was neu eingebaut wird auf dem richtigen Führungsnetz, muss auch betrieben werden können. Hier kommen die Profis der FUB sowie die Miliz des Richtstrahlbataillons 4 der Führungsunterstützungsbrigade 41/SKS zum Einsatz. Die Mitarbeiter der FUB betreiben die Systeme im Alltag und im Normalfall. Sie sind für den robusten Betrieb verantwortlich. In einem Ernstfall sind oder gehen sie mit Unterstützung von Milizangehörigen vor Ort, um die Verbindungen aufzubauen und zu nutzen. So kann der robuste Betrieb des Führungsnetzes in allen Lagen gewährleistet werden. In der Schulungsumgebung vom Führungsnetz Schweiz wird darum auch ausgebildet. Welchen Einfluss hat es, wenn hier ein Kabel falsch verlegt wird? Woran merke ich, dass der Datenfluss ins Rechencenter unterbrochen ist? «Die Testumgebung für das Führungsnetz Schweiz gibt uns Sicherheit. Dank der Tests und der Schulungen in Dübendorf wissen unsere Leute im Ernstfall, was sie tun müssen. Solche Situationen könnten sonst gefährlich werden», sagt Stefan Sturzenegger von der FUB. Er ist für den operativen Betrieb vom Führungsnetz Schweiz verantwortlich.

Nutzung von der ganzen Armee

Die Testumgebung für das Führungsnetz Schweiz erfüllt also zwei zentrale Elemente: die Schulung von Personal und das Testen von neuen Elementen für das Führungsnetz Schweiz. «Diese zwei unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten geben in der Kombination eine ausgezeichnete und kosteneffiziente Auslastung», sagt Bernhard Läser von der FUB. Er war von Anfang an mit dabei, als die Idee entstand, das Testcenter intensiver zu nutzen. Auch die Luftwaffe ist vor Ort und nutzt das Zusammenspiel im Testcenter gerne. Sämtliche Sprachsysteme der Luftwaffe werden in den nächsten fünf Jahren ersetzt. Flugfunk, die Telefonie für die Flugsicherung sowie die Systeme dahinter werden vorher in Dübendorf getestet. Martin Koller arbeitet bei der Luftwaffe als Ingenieur von Kommunikationssystemen. «Die Möglichkeit, solche wichtigen Systeme vorher zu testen, ist unbezahlbar», bringt er es auf den Punkt. Unbezahlbar, weil gewisse Systeme in Extremsituationen sogar über Leben und Tod entscheiden können. Häufig müssen beispielsweise die Piloten im Luftpolizeidienst so nahe an andere Flugzeuge heranfliegen, dass sie Sichtkontakt mit den Piloten aufnehmen können. Das sind dann bis zu 20 Meter Distanz bei einem Tempo von bis zu 900 Kilometern pro Stunde. Über die Kommunikationssysteme bleiben die Piloten mit dem Boden in Verbindung und wissen ständig, was rund um sie herum passiert. Das Wissen, dass diese Systeme vorher getestet wurden, hat bestimmt schon so manchem Piloten dabei geholfen, ruhig zu bleiben.

Was ist das Führungsnetz Schweiz?

Die Kommunikation innerhalb der Armee und mit den politischen Behörden muss in jeder Situation funktionieren. Das heisst, der Austausch von Daten und Informationen muss gewährleistet sein, auch wenn beispielsweise der Strom über längere Zeit ausfällt oder Infrastruktur durch ein Erdbeben beschädigt wird. Für die Sicherheit und die Stabilität der Schweiz müssen die Leistungen der Informations- und Kommunikationstechnologie jederzeit im benötigten Umfang und ohne Unterbruch zur Verfügung stehen. Dafür gibt es das Führungsnetz Schweiz. Es ist in Energieversorgung und Datenübertragung autonom von zivilen Anbietern und basiert auf Glasfaserkabel und Richtfunkstrecken. In den 1950er-Jahren wurden die ersten unabhängigen Systeme eingeführt. Das Führungsnetz Schweiz wird durch die FUB ständig ausgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt. Entsprechend variantenreich ist auch die Technik. Mit dem Anschluss der neuen, hochsicheren Rechenzentren der Armee an das Führungsnetz Schweiz gewinnt dieses zusätzlich an Bedeutung. Das Führungsnetz Schweiz wird täglich für die Kommunikation innerhalb der Armee genutzt.

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