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Beim Kommando KAMIR fliegen die Funken

Rund einen Monat nach Ausbildungsbeginn stand für 18 künftige Kampfmittelbeseitiger ein erster Höhepunkt an: Auf dem Waffenplatz Thun durften die Ausbildungsteilnehmer erstmals selber sprengen. Nach vielen Stunden im Theoriesaal hiess es also endlich: «Bereit? – Zünden!» Auf die neuen Mitarbeiter wartet eine einjährige Ausbildung, an deren Ende ein fordernder und abwechslungsreicher Job als Belohnung winkt.

12.12.2019 | Kommunikation Verteidigung, Michael Senn

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Der austretende Nebel dieses erfolgreich zur Detonation gebrachten Blindgängers enttarnt ihn als Nebelgranate. (Fotos: Zentrum für elektronische Medien – Alex Kühni)

Das Generalsekretariat VBS und der Bundesrat haben Anfang 2019 entschieden, beim Kompetenzzentrum ABC-KAMIR in Spiez 18 neue Stellen für Spezialisten für die Sanierung von ehemaligen Zielgebieten zu schaffen. Daraufhin bewarben sich über 90 Interessierte für die ausgeschriebenen Stellen. Diejenigen, die das Auswahlverfahren überstanden haben, begannen am 1. November dieses Jahres die insgesamt ein Jahr dauernde Ausbildung.

«Bereit? – Zünden!»

Die Gruppe ist bunt durchmischt – und das sowohl aus militärischer, als auch aus ziviler Sicht. Ein Infanterieoffizier arbeitet mit einem Rettungssoldaten, ein Polymechaniker mit einem Chemielaboranten, Romands mit Deutschschweizern. Dennoch ist die Stimmung bereits nach vier Wochen kameradschaftlich und die Motivation hoch. Nach einer kurzen Besprechung im Theoriesaal teilen sich die Teilnehmer in drei Gruppen auf und gehen an ihre jeweiligen Ausbildungsplätze.

Zuvorderst auf dem ersten Ausbildungsplatz steht Joël*, der gerade seine Packung nach einem Feuerzeug durchsucht. Der Umgang mit Sprengmitteln ist nichts Neues für ihn, er kennt es bereits von seiner Milizfunktion als Grenadier. Dort ist das Sprengen seine Spezialfunktion. Die Ausbildung zum Kampfmittelbeseitiger hat ihn fasziniert, weshalb er nun den Jobwechsel vom Lebensmitteltechnologen zum KAMIR-Spezialisten wagt. «Ich wusste, dass früher oder später Stellen ausgeschrieben werden, und habe bei der ersten Gelegenheit zugeschlagen», sagt er nicht ohne Stolz.

Beim ersten der drei Posten geht es darum, mithilfe eines Zündschlauchs den nötigen Sicherheitsabstand zu einem Blindgänger herzustellen und diesen aus der Deckung zur Detonation zu bringen. Dafür werden Kunststoffschläuche verwendet, die mit einer geringen Menge HMX-Aluminium-Mischung (1 Gramm auf 50 Meter Schlauch) gefüllt sind.

Am anderen Ende des Schlauchs befindet sich eine Beseitigungsladung, deren Sprengwirkung den Blindgänger zum Detonieren bringen soll. Nach dem Auslösen der Zündung, die mechanisch per Schlagvorrichtung erfolgt, schiesst der Impuls mit rund 2000 Metern pro Sekunde durch den Schlauch.

Weg aus der Gefahrenzone

Ein paar Meter vom ersten Posten entfernt, befestigt Sebastian* einen Karabinerhaken an einem Seil. Bevor er sein Wirtschaftsstudium absolvierte, hat er als Steuerberater gearbeitet. Der Infanterist hat bei einer Logistikeinheit den Einheitskommandanten abverdient und wird deshalb demnächst zum Hauptmann befördert. «Hier erlerne ich ein spannendes Handwerk, mit dem ich einer sinnvollen Arbeit nachgehen kann, die zudem viel Abwechslung mit sich bringt», sagt er und spricht damit wohl nicht nur für sich, sondern auch für viele andere Ausbildungsteilnehmer.

Beim Posten «Hook & Line» geht es darum, Blindgänger oder sonstige Gegenstände per Haken und Leinen aus einem Gefahrengebiet zu bewegen. Nach einer theoretischen Einführung mit den relevanten Sicherheitsregeln ist bei den Teilnehmern Kreativität gefragt. Rund um das Ausbildungsgelände wurden zuvor Attrappen verteilt, die per Seilzug an einen Zielort befördert werden müssen. Die Auflagen für den geplanten Bergungsweg: möglichst wenige Hindernisse, damit der Kontakt und somit die Reibung auf dem Boden minimiert werden können. Zudem soll stets das KISS-Prinzip («Keep it simple, stupid») befolgt werden, um unnötige Distanzen und Fehlerquellen zu verhindern.

«PAMIR auf, Sprengung in 2 Minuten!»

Hinter einer dicken Betonmauer und unter einem ebenso dicken Betondach harrt die Gruppe beim dritten Posten gespannt der Detonation, die jeden Moment eintreten sollte. Hier geht es um die pyrotechnische Auslösung mittels Sicherheitsanzündschnur. In einem Sandfeld, das sonst auch der Handgranatenausbildung dient, sind verschiedene Blindgänger versteckt. Die Teilnehmer müssen anhand der Munitionstypen und der Art und Weise, wie der Blindgänger im Boden steckt, entscheiden, wie sie die Beseitigungsladung anbringen wollen. Die Länge der Sicherheitsanzündschnüre wird anhand der Distanz vom Sprengobjekt zur Deckung berechnet.

Die Teilnehmer verabschieden sich mit einem Knall in den verdienten Feierabend. Am Ende des Ausbildungsjahres werden sie «ready for deployment» somit in der Lage sein, Aufträge im ganzen Einsatzspektrum zu erfüllen. Eines ist somit sicher: Langweilig wird es mit diesem Job nie.

*Namen aus Gründen der Anonymität abgeändert

Fotos

Die Ausbildung

18 neue Kampfmittelbeseitiger aufs Mal – das ist beim knapp 40 Mann starken Spezialistenteam aussergewöhnlich. Die Hauptgründe dafür sind das grosse Auftragsvolumen anlässlich vieler Schiessplatz- und Zielhangsanierungen in der gesamten Schweiz. Für die 18 im Frühling ausgeschriebenen Stellen gingen über 90 Bewerbungen beim Kompetenzzentrum KAMIR der Schweizer Armee in Spiez ein. Die Bewerber waren an zwei Daten zu einem ausführlichen Assessment eingeladen worden, von denen nach dem ersten Tag bereits einige ausschieden.

Die zukünftigen Kampfmittelbeseitiger durchlaufen eine umfassende Ausbildung und sind bereits nach sieben Wochen, wenn auch beschränkt, bei Sanierungsarbeiten und in der Blindgängermeldezentrale einsetzbar. Nach knapp einem Jahr werden erste Auslandeinsätze absolviert. Zu einem späteren Zeitpunkt – meistens mit ein paar Jahren Berufserfahrung - können Ausbildungen für Spezialfunktionen wie zum Taucher, Munitionsexperten oder Sanitätsspezialisten gemacht werden.