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Für ein funktionierendes Miteinander

Seit April 2019 verfügt die Schweizer Armee über eine Fachstelle Diversity. Sie setzt sich für die Chancengleichheit und die Vermeidung von Diskriminierung im unmittelbaren Dienstbetrieb ein und bietet allen Milizangehörigen die Möglichkeit, sich bei persönlichen Unsicherheiten oder Schwierigkeiten zu melden. Die Leiterin der Fachstelle Diversity Schweizer Armee, Marina Veil, im Interview.

03.12.2019 | Kommunikation Verteidigung, Eve Hug

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Symbolbild Armeeangehörige
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Marina Veil, Fachexpertin Diversity Schweizer Armee, Leiterin Fachstelle

Eve Hug (HUE): Diversity wurde in den vergangenen Monaten vermehrt in den Medien thematisiert. Was bedeutet der Begriff eigentlich – respektive um was geht es beim Diversity Management konkret?

Marina Veil (VEM): Diversity kann am besten mit dem Begriff «Vielfalt» umschrieben werden. Vielfalt in Bezug auf Geschlecht und geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung, Alter, Sprache, Physiologie und Psychologie, Kultur, ethnische und soziale Herkunft, Religion sowie sonstige Weltanschauungen und Lebensstile, die unsere Gesellschaft charakterisieren.

Diversity Management meint demnach den bewussten, respektvollen und gewinnbringenden Umgang mit dieser Vielfalt innerhalb der Armee. Es geht darum, die vielfältigen Eigenschaften und Erfahrungen von Menschen zu erkennen und sie als Potenzial zu begreifen und zu nutzen. Die Förderung von Chancengleichheit und der Abbau von Diskriminierung sind dabei die wesentlichen Eckpfeiler des Diversity Management.

HUE: In der Armee leisten Milizangehörige aus der ganzen Schweiz gemeinsam Dienst. Worin bestehen die Herausforderungen dieses Miteinanders unterschiedlicher Lebensentwürfe und Einstellungen?

VEM: Die Schweizer Armee kann mit der gesetzlich verankerten Wehrpflicht als Abbild unserer Gesellschaft angesehen werden. Daher ist es naheliegend, dass auch sämtliche Ausprägungen von Diversity im militärischen Alltag anzutreffen sind. Dieser Umstand kann in einer zweckgebundenen Gemeinschaft wie der Armee schon mal zu Spannungen und Konflikten führen. Um dem entgegenzuwirken, braucht die Armee ein funktionierendes Diversity Management.

Die grösste Herausforderung sehe ich folglich darin, über alle Stufen hinweg die Menschenwürde und die individuellen Eigenschaften einer Person zu achten und zu respektieren, gleichzeitig aber auch dem militärischen Auftrag Folge zu leisten. Diesbezüglich müssen – im Sinne eines funktionierenden Ganzen – individuelle Bedürfnisse zurückgestellt und Einschränkungen der Privatsphäre und in Extremfällen auch der Grundrechte in Kauf genommen werden. Es braucht also von allen Seiten Verständnis, Offenheit und ein gewisses Mass an Kompromissbereitschaft.

HUE: Die Fachstelle Diversity Schweizer Armee wurde im April 2019 ins Leben gerufen. Wozu braucht es diese aus ihrer Sicht – und welches sind ihre Aufgaben?

VEM: Vorneweg soll gesagt sein, dass die Armee bereits vor der Schaffung dieser Fachstelle Massnahmen in die Wege geleitet hat, die darauf abzielen, das Diversity Management der Schweizer Armee zu fördern und stetig weiterzuentwickeln. Als Beispiel seien hier der im Jahr 2008 erlassene Diversity-Befehl des damaligen Chefs der Armee, Korpskommandant André Blattmann, erwähnt oder aber die mehrmals jährlich tagende Arbeitsgruppe mit Vertretern sämtlicher Direktunterstellten des Chefs der Armee.

Meine Aufgabe besteht darin, mich hauptberuflich um die Diversity-Belange unserer Milizarmee zu kümmern. Dies beinhaltet nebst dem Aufbau und der Etablierung einer Anlaufstelle für Fachberatung auch die Zentralisierung und die Erstellung von Grundlagendokumenten, die Erweiterung eines armeeinternen und -externen Netzwerks mit Partnern und Dachorganisationen und nicht zuletzt auch die Bereiche Sensibilisierung und Ausbildung. Gerade darin sehe ich persönlich auch den Mehrwert einer solchen Fachstelle.

HUE: Wieso ist gerade bei der Institution Armee ein funktionierendes Diversity Management von grosser Bedeutung? Was soll damit erreicht werden?

VEM: Eine Institution, die befähigt ist, in Krisensituationen Gewalt anzuwenden, braucht das Vertrauen der Gesellschaft, und das können wir ganz bestimmt nicht herbeiführen, wenn wir als Armee mit Diversity-Verstössen negativ auffallen. Aber auch um den militärischen Dienstbetrieb sicherstellen zu können, muss das Miteinander im Alltag funktionieren. Vorurteile halten sich hartnäckig, wenn man nichts dagegen tut, diese abzubauen, was gleichzeitig auch den Nährboden für Diskriminierung und Ausgrenzung bildet. Doch wer offen und bereit ist, neue Erfahrungen im Umgang mit dem vermeintlich «anderen» zu sammeln, dem bietet die Armee einen Reichtum an Möglichkeiten, die dank der ausgeprägten Vielfalt in keiner anderen Institution so existieren würden.

HUE: Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Zukunft des Diversity Management in der Schweizer Armee?

VEM: Längerfristig gesehen finde ich es wichtig, dass die Armee nicht nur problemlösungsorientiert denkt und handelt, also quasi von Fall zu Fall über eine entsprechende Handhabung entscheidet, sondern dass Diversity-Themen und damit verbundene allfällige Herausforderungen antizipiert werden, bevor sie effektiv auftauchen, und dabei auch bewährte und verbindliche Lösungsansätze beigezogen werden können. Dafür braucht es aber zuerst die nötigen Erfahrungen aus dem Alltag der Truppe, die anschliessend gesammelt und ausgewertet werden müssen, um darauf basierend anwendbare Grundlagen zu erarbeiten.

Eine weitere Herausforderung sehe ich persönlich darin, dass die Bemühungen der Armeeführung und die Fachstelle per se innerhalb unserer Institution, aber auch in der (Medien-)Öffentlichkeit nicht bloss als Alibi wahrgenommen werden, um dem Vielfaltsaspekt Rechnung zu tragen, sondern dass Diversity in der gesamten Armee auch wirklich gelebt und von allen Seiten getragen wird.
 

 

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