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Der Rhätische Evakuationszug

Wie werden Verletzte aus Davos abtransportiert, wenn Helikopter nicht fliegen können und die Strassen nicht befahrbar sind? Der Sanitätsdienst WEF hat auch dafür vorgesorgt. Ein Augenschein im wohl ungewöhnlichsten Krankenwagen der Schweiz.

24.01.2020 | CUMINAIVEL | sf

RhB Rettungswagen

 

Der Kluge fährt im Zuge. Ausser in den drei unscheinbaren Velo-Wagen der Rhätischen Bahn, die irgendwo auf einem Rangiergleis etwas versteckt zwischen anderen Zugwaggons stehen. Hier fährt im Notfall der Verletzte.

Aber von vorne. Das Rettungszentrum in Davos ist auf alle Eventualität vorbereitet – auch für äusserst unwahrscheinliche, wie etwa einen terroristisch motivierten Anschlag. «Bis zu 300 Verletzte könnten im Notfall hier behandelt werden», erklärt Oberstleutnant Alfio Finochiaro, der als Stv Chef Truppenbelange Sanität die Abläufe bei einem grösseren Ereignis genau kennt. «Die Idee ist, dass Verletzte so schnell wie möglich stabilisiert und auf geeignete Spitäler verteilt werden können.»

Aber was ist, wenn die Rettungshelikopter wegen schlechten Wetters nicht fliegen können und die Strassen verstopft sind, etwa weil Touristen und WEF-Besucher– eben zum Beispiel nach einem Terrorakt – Davos fluchtartig verlassen? «Wenn alle Stricke reissen, gibt es noch eine dritte Option: die Schiene», weiss Finochiaro.

Vom Rettungszentrum würden die Patienten dann zu besagten Velo-Wagen gebracht. Aber darin stehen keine Mountainbikes oder Tourenräder, sondern am Boden verankerte Bahrengestelle. Jemand, der alles über dieses ungewöhnliche Gefährt weiss, ist Major Beat Keller. Er steht als Führungsunterstützung dem San D WEF zur Seite. Der leitende Notarzt San D WEF ist es denn auch, der entscheiden würde, ob die umfunktionierten Wagen zum Einsatz kämen. «Weil es in der Armee keine Sanitätszüge mehr gibt, hat der Zivilschutz diese Eisenbahnwagen der RhB umgebaut», erzählt Major Keller. «Pro Wagen können so 24 Patienten liegend evakuiert werden.»

Die Bahrengestelle stehen sonst in Sanitätshilfsstellen und können drei San-Bahren übereinander tragen. Acht solcher Gestelle sind in jedem Wagen fixiert. Die Haken an der Decke, an denen normalerweise Velos baumeln, werden kurzerhand zu Aufhängern für Infusionsbeutel umfunktioniert. «Zusätzlich würde ein normaler Wagen angehängt. So könnten auch Patienten transportiert werden, die noch sitzen können. Und es gäbe eine Toilette», erklärt Keller. Auf dem wegen der vielen Kurven anstrengenden Weg ins Tal werden die Patienten von Rettungssanitätern und Ärzten betreut, bevor sie im Rheintal von weiteren Rettungsdiensten übernommen werden.

Lange steht der Evakuationszug nicht mehr bereit. Gleich nach dem WEF wird er wieder zurückgebaut – hoffentlich ungenutzt.