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Mit Panzertape und Sackmesser auf die Strecke

26 Kilometer Distanz, 53 Leistungskilometer, Start am frühen Morgen in Arolla, Ankunft irgendwann in Verbier: So präsentiert sich die Kurzstrecke der Patrouille des Glaciers (PdG). Major Raphaël Filliez, Adjutant Uof Pascal Derron und Gefreiter Jérôme Filliez haben sich dieser physischen und psychischen Herausforderung gestellt.

20.04.2018 | Kommunikation Verteidigung

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Raphaël Filliez (von links), Jérôme Filliez und Pascal Derron bildeten an der Patrouille des Glaciers 2018 das Team «Les Trois Chalets»

«Uns geht es nicht ums Gewinnen», betont Major Raphaël Filliez, stellvertretender Kommandant des Einsatz Kommandos Militärpolizei in Sion, bei einer Tasse Tee am Abend vor dem Rennen in La Forclaz (VS). Auch für Adjutant Uof Pascal Derron, Chef Fachbereich der Rekrutenschule 19 der MP, steht nicht der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund. «Kameradschaft leben und erleben und zusammen gut ins Ziel kommen, darum geht es.» Und er freue sich auf den unvergleichlichen Moment, nach den Strapazen über die Ziellinie laufen zu können. Für die beiden Berufsmilitärs ist es nach 2016 die zweite Teilnahme an der PdG. Nochmals mitzumachen hätten sie schon beim Essen direkt nach dem Rennen vor zwei Jahren beschlossen, erinnern sich beide lachend.

Das Schlimmste, was ihnen passieren könne, sei Materialschaden. Stock- oder Skibruch bedeute das Ende des Rennens, ausser, man habe ein Armeesackmesser und Panzertape im Gepäck, schmunzelt Filliez. «Natürlich werden wir versuchen, die Zeit, die wir letztes Mal gelaufen sind, zu verbessern», fügt er hinzu. Knapp siebeneinhalb Stunden benötigten sie damals für die Strecke. Für das Rennen dieses Jahr werden sie vom jüngeren Bruder von Major Filliez, Jérôme Filliez, begleitet. Für den Bauingenieur, als Milizsoldat Gefreiter, ist es die erste Teilnahme. Es gebe ihm die nötige Sicherheit, in Begleitung von zwei erfahrenen Patrouilleuren zu sein. «Im März haben wir zusammen das Défi de Faverges in Crans Montana bestritten. Die Strecke ist zwar etwas kürzer als die PdG, war aber eine sehr gute Vorbereitung», so Filliez.

Das Trio war seit Dezember letzten Jahres jedes Wochenende auf Skiern unterwegs. Jeder hat insgesamt über 20'000 Höhenmeter absolviert. Aber nicht nur intensives Sporttraining sei Voraussetzung, um den Lauf bestehen zu können. Auch die richtige Ausrüstung gehöre dazu, erklärt Raphaël Filliez. «Wir sind im Ultraleichtgewicht-Bereich. Jeder meiner Schuhe wiegt nur 800 Gramm, ein Ski 700 Gramm. Insgesamt trage ich aber doch 6,2 Kilo Kleidung und Ausrüstung, hinzu kommen zwei Liter Wasser.» Besonders in den Steigungen sei jedes Gramm Gewicht zu viel eine Last. «Wir sind bereit», sagt Derron mit einem Lächeln. Eine grosse Ladung Kohlenhydrate in Form von Pasta zum Abendessen, früh schlafen gehen, et voilà!

Fast so schnell wie das letzte Mal

Viel Schlaf gibt es dann doch nicht, um ein Uhr in der Früh werden sie von einem Bus abgeholt und zusammen mit den anderen Sportlern nach Arolla gefahren. Die Temperatur liegt bei zwei Grad im Plus, der Himmel ist sternenklar. Für den Renntag ist Sonne angekündigt, die Nullgradgrenze soll auf 3600 m.ü.M steigen. In einem grossen Zelt unterhalb des Startplatzes bieten Armee und Zivilschutz Frühstück an. Pascal Derron hat einen Energiedrink mitgebracht, einer der Filliez-Brüder Müsliflocken. Zwischen 4 Uhr und 6 Uhr 30 starten die 396 Patrouillen im Halbstundentakt. Gleichzeitig treffen die ersten der in Zermatt gestarteten Teams für einen kurzen «Boxenstopp» in Arolla ein. Die Stimmung erinnert ein wenig an ein Volksfest. Auf dem Startgelände dröhnt laut Musik aus Lautsprechern. Das Trio rund um Raphaël Filliez macht sich um kurz nach vier auf zum Start. Um halb fünf ertönt der Startschuss, die gesamte Gruppe macht sich in langsamen Schritten an den ersten Aufstieg. Bis zum Col de Tsena Réfien sind schon 1000 Höhenmeter zu überwinden. Die Gruppe erkennt in der Dunkelheit bald nur noch die Lichter der Stirnlampen.

Knapp siebeneinhalb Stunden später treffen Pascal Derron, sowie Raphaël und Jérôme Filliez erschöpft aber glücklich in Verbier ein. Sie belegen den 225. Gesamtrang auf der Kurzstrecke. Ihre Zeit von vor zwei Jahren haben sie zwar um eine knappe Minute überschritten, dieses Detail kann ihre Freude aber nicht trüben. «Es war weniger schlimm als letztes Mal», urteilt Raphaël Filliez. Derron stimmt ihm zu und erzählt von einem unbezahlbar schönen Moment, auf der Höhe des ersten Passes, unter ihnen in der Dunkelheit eine Reihe Lichter, die sich den Berg hoch schlängelten. Auch Jérôme Filliez wirkt erleichtert, alles sei gut gelaufen. Ob sie in zwei Jahren noch einmal dabei sind, wissen die drei Männer noch nicht. Das könnten sie frühestens nach einer ordentlichen Mahlzeit entscheiden.