Zwischen Eskalation und Friedensförderung
Die Schweizer Armee engagiert sich seit über 35 Jahren an der Militärbeobachtermission UNTSO im Nahen Osten und stellte von Dezember 2021 bis Februar 2026 erstmals den Missionschef. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 überschlagen sich die Ereignisse in der gesamten Region. Für die UNTSO-Angehörigen besteht die Herausforderung darin als unparteiische Beobachter zwischen den Fronten Präsenz zu markieren und Gespräche mit allen involvierten Parteien zu führen.

Text Divisionär Patrick Gauchat, ehemaliger Missionschef der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) in Jerusalem, Israel
Die Vorbereitung auf meinen Einsatz als Missionschef der UNTSO fand am UNO-Hauptquartier in New York statt. Dort führte ich Gespräche mit den Botschaftern der UNTSO-Gastländer Israel, Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten. So erhielt ich Einblick in ihr Verständnis der Mandate der drei in der Region präsenten Peacekeeping-Missionen UNTSO, UNDOF1 und UNIFIL2 sowie in ihre Einschätzung der regionalen Lage. Als ich im Dezember 2021 in Jerusalem ankam, hatte ich daher bereits ein Bild der Möglichkeiten und Grenzen der UNTSO, die sich aus den Erwartungen der verschiedenen Akteure vor Ort und in New York ergaben.
Die Ruhe vor dem Sturm
Die erste Phase meines Einsatzes als Missionschef (2021 bis 2022) präsentierte sich relativ ruhig. Dadurch konnten wir die Einschränkungen und Folgen der COVID-19-Krise hinter uns lassen und mit motivierten Militärbeobachterinnen und -beobachtern wieder qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Jede Verletzung des Waffenstillstands wurde systematisch festgestellt, dokumentiert, gemeldet, diskutiert und mit den Konfliktparteien bereinigt. Dies funktionierte sowohl auf dem Golan als auch im Südlibanon gut und ermöglichte es auf taktischer Ebene die notwendige Ruhe aufrechtzuerhalten, damit die Zivilbevölkerung ein relativ sicheres Alltagsleben führen konnte. Auf strategischer Ebene konnten vertrauensbildende Massnahmen und weiterführende politische Gespräche zur Verringerung der Spannungen eingeleitet werden. Die UNTSO stellt den Parteien seit ihrem Bestehen ein bewährtes Instrumentarium zur Umsetzung und Überwachung der Waffenstillstandsabkommen zur Verfügung: Beobachtung, Meldung, Untersuchung, Verifikation, formelle Inspektion und Zusammenarbeit mit den betroffenen Parteien.
Das Jahr 2023 begann positiv: Die fünf Gastländer zollten der UNTSO Respekt und schenkten ihr Vertrauen, weil sich die Mission durch fachlich hochstehende Beobachtungs-und Verbindungsarbeit eine nachhaltige Glaubwürdigkeit aufgebaut hatte. Die Konfliktparteien hielten sich an die von ihnen unterzeichneten Waffenstillstände, was unsere Verifikationen und Inspektionen bestätigten. Rückblickend war es die Ruhe vor dem Sturm. Man darf nie vergessen, dass ein Waffenstillstand – so positiv er auch erscheinen mag – stets fragil bleibt und eine kontinuierliche Stabilisierung erfordert.
Der regionale Flächenbrand
Dann kam der 7. Oktober 2023 mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Undenkbar für jede normal empfindende Person, unvorstellbar in den Szenarien und Lageentwicklungen, die von militärischen Stäben oder zivilen Thinktanks untersucht werden. Die Bilder erschütterten durch ihre Gewalt, die Überraschung und das Ausmass der Massaker, die den gesamten Nahen Osten verändern sollten. Flüge, Strassentransporte, geplante Personalrotationen für UNTSO-Angehörige – alles wurde gestrichen. Die Übergänge zwischen den militärischen Linien wurden geschlossen, die Beziehungen zwischen den Parteien verschlechterten sich, die Sichtweisen änderten sich, die Einhaltung der Waffenstillstände wurde brüchig, die Verstösse nahmen zu: Der Nahe Osten geriet in Brand. Diesen schrecklichen Tag erlebten wir als Missionsangehörige mit grosser Betroffenheit, denn ein Teil unserer Arbeit schien in Rauch aufzugehen.
Kontakt mit allen Seiten wirkte stabilisierend
Wir Peacekeeperinnen und Peacekeeper dürfen in Krisensituationen nicht aufgeben und einfach abwarten. Vielmehr galt es neue Kommunikationssysteme zwischen den Parteien aufzubauen. Ebenso wichtig war es den Kontakt mit der Bevölkerung im ganzen Einsatzraum aufrechtzuerhalten. Die UNTSO beschäftigt drei Sprachmittler, welche die Militärbeobachterteams begleiten. So können wir die Menschen vor Ort über Ereignisse im Zusammenhang mit dem Waffenstillstand informieren und gleichzeitig aktuelle Bedürfnisse aufnehmen. Dazu zählen beispielsweise Fälle von vermissten Personen oder der Mangel an Wasser, Lebensmitteln und Strom. In einem Meeting mit UNO-Agenturen und NGOs wird festgelegt, wer professionell und gezielt Unterstützung leisten kann. Unsere Präsenz wirkt stabilisierend, ist aber auch entscheidend zu verhindern, dass die Parteien nach Belieben handeln: Wir melden dem Sicherheitsrat jede Verletzung der getroffenen Vereinbarungen, was die Konfliktparteien zu einer gewissen Zurückhaltung veranlasst.
Die Militärbeobachterteams befinden sich auf Posten in unmittelbarer Nähe der Waffenstillstandslinien. Auch wenn sie in der Regel nicht das Ziel sind, können sie beim Wiederaufflammen von Gefechten zwischen die Fronten geraten. Seit ihrem Bestehen hat die UNTSO 29 Offiziere3 verloren; in den vergangenen vier Jahren gab es mehrere Verletzte, glücklicherweise jedoch keine Todesfälle. Das ist ein Erfolg für die UNTSO und die UNO und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass die Beobachterinnen und Beobachter dank ihrer Ausbildung, der verbesserten Ausrüstung sowie der Risikoanalyse vor Ort durch die UNO und die Mission selbst besser geschützt sind.
Eskalation im Südlibanon
Im Südlibanon blieben wir bis zum letzten Moment an der Waffenstillstandslinie, mussten aber im August 2024 ins Hauptquartier der UNIFIL dislozieren, als die Kämpfe heftiger wurden und das Leben der UNTSO-Angehörigen gefährdet war. Gleichzeitig trafen wir Vorbereitungen für die Rückkehr bei einer Lageberuhigung. Wir passten uns stets der angespannten Lage an und hielten den Kontakt mit allen Parteien, den Militärvertretern der fünf Gastländer und der Bevölkerung ununterbrochen aufrecht. Als am 27. Oktober 2024 alle Parteien einen Waffenstillstand akzeptiert hatten, verlegten wir uns sofort wieder an die Demarkationslinie, um diesen zu festigen.
Sturz des Regimes in Syrien
Im Dezember 2024 wurden wir Zeugen eines weiteren radikalen Wandels – diesmal in Syrien. Rebellen, insbesondere unter der Führung der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), stürzten den Präsidenten Baschar al-Assad, dessen Familie seit mehr als 50 Jahren an der Macht war. Syrien wurde durch diesen radikalen Wandel destabilisiert, seine Nachbarn ebenfalls. Israel entschied deshalb die Waffenstillstandslinien auf dem Golan und zu Libanon zu überschreiten, um jede potenzielle Gefahr unter Kontrolle zu bringen. Ohne Sicherheit kann eine Region leicht ins Chaos abrutschen und gefährliche Gruppen – lokale oder internationale – können sich formieren. Für die UNTSO war es entscheidend mit ihrer Präsenz und Tätigkeit zu zeigen, dass die Waffenstillstandsabkommen weiterhin in Kraft waren und sie mit allen Parteien den Kontakt pflegt, um ein gewisses Mass an Stabilität zu bewahren.
Doppelrolle als Chef der UNTSO und der UNDOF
Fünf Tage vor der syrischen Revolution hatte der Chef der UNDOF planmässig das Kommando abgegeben. Der UNO-Generalsekretär bat mich daraufhin vorübergehend das Kommando über diese Mission zu übernehmen, um Kontinuität und Führung sicherzustellen. Der Bundesrat bewilligte die Übernahme dieser zusätzlichen Funktion. Damit wurde erstmals ein höherer Stabsoffizier der Schweizer Armee mit dem Kommando über eine bewaffnete Truppe der UNO betraut und zugleich erstmals eine Person gleichzeitig mit der Führung von zwei Peacekeeping-Missionen beauftragt.
Positiv war, dass dank dieser Doppelfunktion die Anstrengungen von UNTSO und UNDOF zusammengeführt werden konnten, um die strategischen Verbindungen zur neuen Führung in Damaskus wiederherzustellen und eine einheitliche Linie für die Peacekeeping-Mandate auf dem Golan zu schaffen. Insbesondere konnte ich eine Roadmap vorschlagen, welche Massnahmen die UNO und die Parteien im Hinblick auf eine Rückkehr zum Status quo zu ergreifen hatten. So gelang es uns gegenüber den Verantwortlichen beider Konfliktparteien erneut den Nutzen der UNTSO und der UNDOF unter Beweis zu stellen. Parallel dazu konnten wir auf zahlreiche Anliegen der syrischen Bevölkerung reagieren, die grundlegende Hilfe und Informationen über die Lage benötigte.
Die UNTSO bleibt wichtig
Die Friedensförderung im Nahen Osten steht an einem Wendepunkt: Die Konflikte sind zahlreich und der Bedarf an einer multilateralen Struktur, die zur Beruhigung der Lage beiträgt, ist offensichtlich. Die UNO ist die geeignete Organisation, um die Region zu unterstützen: mit Kräften, die Sicherheit gewährleisten, physische Trennung sicherstellen, Evakuierungen ermöglichen und bei Bedarf Präsenz zeigen. Militärbeobachtermissionen sind besonders geeignet, wenn es darum geht Front-, Trenn- oder Begrenzungslinien zu beobachten, zu überprüfen und Vorfälle zu untersuchen. Durch unparteiische Berichterstattung und die Verbindung zu allen Konfliktparteien tragen sie dazu bei, gefährliche Situationen stabil zu halten und den Sicherheitsrat unparteiisch über die Lage sowie mögliche Massnahmen zu informieren.
1 UN Disengagement Observer Force, UNO-Blauhelmmission Golan seit 1974
2 UN Interim Force in Lebanon, UNO-Blauhelmmission Südlibanon seit 1978
3 Darunter sind keine Schweizer Offiziere.

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