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MitteilungVeröffentlicht am 13. Juli 2026

Zwischen Eskalation und Friedensförderung

Die Schweizer Armee engagiert sich seit über 35 Jahren an der Militärbeobachtermission UNTSO im Nahen Osten und stellte von Dezember 2021 bis Februar 2026 erstmals den Missionschef. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 überschlagen sich die Ereignisse in der gesamten Region. Für die UNTSO-Ange­hörigen besteht die Herausfor­derung darin als unparteiische Beobachter zwischen den Fron­ten Präsenz zu markieren und Gespräche mit allen involvierten Parteien zu führen.

Divisionär Patrick Gauchat war von Dezember 2021 bis Februar 2026 der Missionschef der Militärbeobachtermission UNTSO im Nahen Osten (links im Bild neben UNO-Generalsekretär António Guterres). Er verfügt über eine jahrezehntelange Erfahrung in der militärischen Friedensförderung und leistete Einsätze in verschiedenen Funktionen in der UNTSO, in der NNSC in Südkorea, in der SWISSCOY in Kosovo und am UNO-Hauptquartier in New York.

Text Divisionär Patrick Gauchat, ehema­liger Missionschef der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) in Jerusalem, Israel

Die Vorbereitung auf meinen Einsatz als Missionschef der UNTSO fand am UNO-Hauptquartier in New York statt. Dort führte ich Gespräche mit den Botschaftern der UNTSO-Gast­länder Israel, Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten. So erhielt ich Einblick in ihr Verständnis der Mandate der drei in der Region prä­senten Peacekeeping-Missionen UNTSO, UNDOF1 und UNIFIL2 sowie in ihre Einschätzung der regionalen Lage. Als ich im Dezember 2021 in Jerusalem ankam, hatte ich daher bereits ein Bild der Möglichkeiten und Grenzen der UNTSO, die sich aus den Erwartungen der verschie­denen Akteure vor Ort und in New York ergaben.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die erste Phase meines Einsatzes als Missionschef (2021 bis 2022) prä­sentierte sich relativ ruhig. Dadurch konnten wir die Einschränkungen und Folgen der COVID-19-Krise hin­ter uns lassen und mit motivierten Militärbeobachterinnen und -beob­achtern wieder qualitativ hochwer­tige Arbeit leisten. Jede Verletzung des Waffenstillstands wurde sys­tematisch festgestellt, dokumen­tiert, gemeldet, diskutiert und mit den Konfliktparteien bereinigt. Dies funktionierte sowohl auf dem Golan als auch im Südlibanon gut und ermöglichte es auf taktischer Ebene die notwendige Ruhe auf­rechtzuerhalten, damit die Zivil­bevölkerung ein relativ sicheres Alltagsleben führen konnte. Auf strategischer Ebene konnten ver­trauensbildende Massnahmen und weiterführende politische Gesprä­che zur Verringerung der Spannun­gen eingeleitet werden. Die UNTSO stellt den Parteien seit ihrem Beste­hen ein bewährtes Instrumentarium zur Umsetzung und Überwachung der Waffenstillstandsabkommen zur Verfügung: Beobachtung, Mel­dung, Untersuchung, Verifikation, formelle Inspektion und Zusam­menarbeit mit den betroffenen Par­teien.

Das Jahr 2023 begann positiv: Die fünf Gastländer zollten der UNTSO Respekt und schenkten ihr Ver­trauen, weil sich die Mission durch fachlich hochstehende Beobach­tungs-und Verbindungsarbeit eine nachhaltige Glaubwürdigkeit auf­gebaut hatte. Die Konfliktparteien hielten sich an die von ihnen unter­zeichneten Waffenstillstände, was unsere Verifikationen und Inspek­tionen bestätigten. Rückblickend war es die Ruhe vor dem Sturm. Man darf nie vergessen, dass ein Waffenstillstand – so positiv er auch erscheinen mag – stets fragil bleibt und eine kontinuierliche Stabilisie­rung erfordert.

Der regionale Flächenbrand

Dann kam der 7. Oktober 2023 mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Undenkbar für jede normal empfindende Person, unvorstell­bar in den Szenarien und Lageent­wicklungen, die von militärischen Stäben oder zivilen Thinktanks untersucht werden. Die Bilder erschütterten durch ihre Gewalt, die Überraschung und das Aus­mass der Massaker, die den gesam­ten Nahen Osten verändern sollten. Flüge, Strassentransporte, geplante Personalrotationen für UNTSO-An­gehörige – alles wurde gestrichen. Die Übergänge zwischen den mili­tärischen Linien wurden geschlos­sen, die Beziehungen zwischen den Parteien verschlechterten sich, die Sichtweisen änderten sich, die Einhaltung der Waffenstillstände wurde brüchig, die Verstösse nah­men zu: Der Nahe Osten geriet in Brand. Diesen schrecklichen Tag erlebten wir als Missionsangehörige mit grosser Betroffenheit, denn ein Teil unserer Arbeit schien in Rauch aufzugehen.

Kontakt mit allen Seiten wirkte stabilisierend

Wir Peacekeeperinnen und Peace­keeper dürfen in Krisensituationen nicht aufgeben und einfach abwar­ten. Vielmehr galt es neue Kommu­nikationssysteme zwischen den Parteien aufzubauen. Ebenso wich­tig war es den Kontakt mit der Bevöl­kerung im ganzen Einsatzraum aufrechtzuerhalten. Die UNTSO beschäftigt drei Sprachmittler, wel­che die Militärbeobachterteams begleiten. So können wir die Men­schen vor Ort über Ereignisse im Zusammenhang mit dem Waffen­stillstand informieren und gleich­zeitig aktuelle Bedürfnisse aufneh­men. Dazu zählen beispielsweise Fälle von vermissten Personen oder der Mangel an Wasser, Lebensmit­teln und Strom. In einem Meeting mit UNO-Agenturen und NGOs wird festgelegt, wer professionell und gezielt Unterstützung leisten kann. Unsere Präsenz wirkt stabilisierend, ist aber auch entscheidend zu ver­hindern, dass die Parteien nach Belieben handeln: Wir melden dem Sicherheitsrat jede Verletzung der getroffenen Vereinbarungen, was die Konfliktparteien zu einer gewis­sen Zurückhaltung veranlasst.

Die Militärbeobachterteams befin­den sich auf Posten in unmittel­barer Nähe der Waffenstillstands­linien. Auch wenn sie in der Regel nicht das Ziel sind, können sie beim Wiederaufflammen von Gefechten zwischen die Fronten geraten. Seit ihrem Bestehen hat die UNTSO 29 Offiziere3 verloren; in den vergan­genen vier Jahren gab es mehrere Verletzte, glücklicherweise jedoch keine Todesfälle. Das ist ein Erfolg für die UNTSO und die UNO und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass die Beobachterinnen und Beobach­ter dank ihrer Ausbildung, der ver­besserten Ausrüstung sowie der Risikoanalyse vor Ort durch die UNO und die Mission selbst besser geschützt sind.

Eskalation im Südlibanon

Im Südlibanon blieben wir bis zum letzten Moment an der Waffen­stillstandslinie, mussten aber im August 2024 ins Hauptquartier der UNIFIL dislozieren, als die Kämpfe heftiger wurden und das Leben der UNTSO-Angehörigen gefährdet war. Gleichzeitig trafen wir Vorbereitun­gen für die Rückkehr bei einer Lage­beruhigung. Wir passten uns stets der angespannten Lage an und hiel­ten den Kontakt mit allen Parteien, den Militärvertretern der fünf Gast­länder und der Bevölkerung unun­terbrochen aufrecht. Als am 27. Oktober 2024 alle Parteien einen Waffenstillstand akzeptiert hatten, verlegten wir uns sofort wieder an die Demarkationslinie, um diesen zu festigen.

Sturz des Regimes in Syrien

Im Dezember 2024 wurden wir Zeu­gen eines weiteren radikalen Wan­dels – diesmal in Syrien. Rebellen, insbesondere unter der Führung der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), stürzten den Präsidenten Baschar al-Assad, dessen Fami­lie seit mehr als 50 Jahren an der Macht war. Syrien wurde durch die­sen radikalen Wandel destabilisiert, seine Nachbarn ebenfalls. Israel entschied deshalb die Waffenstill­standslinien auf dem Golan und zu Libanon zu überschreiten, um jede potenzielle Gefahr unter Kontrolle zu bringen. Ohne Sicherheit kann eine Region leicht ins Chaos abrut­schen und gefährliche Gruppen – lokale oder internationale – kön­nen sich formieren. Für die UNTSO war es entscheidend mit ihrer Prä­senz und Tätigkeit zu zeigen, dass die Waffenstillstandsabkommen weiterhin in Kraft waren und sie mit allen Parteien den Kontakt pflegt, um ein gewisses Mass an Stabilität zu bewahren.

Doppelrolle als Chef der UNTSO und der UNDOF

Fünf Tage vor der syrischen Revo­lution hatte der Chef der UNDOF planmässig das Kommando abge­geben. Der UNO-Generalsekretär bat mich daraufhin vorübergehend das Kommando über diese Mis­sion zu übernehmen, um Kontinuität und Führung sicherzustellen. Der Bundesrat bewilligte die Über­nahme dieser zusätzlichen Funk­tion. Damit wurde erstmals ein höherer Stabsoffizier der Schweizer Armee mit dem Kommando über eine bewaffnete Truppe der UNO betraut und zugleich erstmals eine Person gleichzeitig mit der Führung von zwei Peacekeeping-Missionen beauftragt.

Positiv war, dass dank dieser Dop­pelfunktion die Anstrengungen von UNTSO und UNDOF zusammenge­führt werden konnten, um die stra­tegischen Verbindungen zur neuen Führung in Damaskus wiederherzu­stellen und eine einheitliche Linie für die Peacekeeping-Mandate auf dem Golan zu schaffen. Insbeson­dere konnte ich eine Roadmap vor­schlagen, welche Massnahmen die UNO und die Parteien im Hinblick auf eine Rückkehr zum Status quo zu ergreifen hatten. So gelang es uns gegenüber den Verantwortlichen beider Konfliktparteien erneut den Nutzen der UNTSO und der UNDOF unter Beweis zu stellen. Parallel dazu konnten wir auf zahlreiche Anliegen der syrischen Bevölke­rung reagieren, die grundlegende Hilfe und Informationen über die Lage benötigte.

Die UNTSO bleibt wichtig

Die Friedensförderung im Nahen Osten steht an einem Wendepunkt: Die Konflikte sind zahlreich und der Bedarf an einer multilateralen Struktur, die zur Beruhigung der Lage beiträgt, ist offensichtlich. Die UNO ist die geeignete Orga­nisation, um die Region zu unter­stützen: mit Kräften, die Sicherheit gewährleisten, physische Tren­nung sicherstellen, Evakuierungen ermöglichen und bei Bedarf Präsenz zeigen. Militärbeobachtermissio­nen sind besonders geeignet, wenn es darum geht Front-, Trenn- oder Begrenzungslinien zu beobach­ten, zu überprüfen und Vorfälle zu untersuchen. Durch unparteiische Berichterstattung und die Verbin­dung zu allen Konfliktparteien tra­gen sie dazu bei, gefährliche Situationen stabil zu halten und den Sicherheitsrat unparteiisch über die Lage sowie mögliche Massnah­men zu informieren.

1 UN Disengagement Observer Force, UNO-Blauhelmmission Golan seit 1974
2 UN Interim Force in Lebanon, UNO-Blau­helmmission Südlibanon seit 1978
3 Darunter sind keine Schweizer Offiziere.