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MitteilungVeröffentlicht am 11. Februar 2026

Verantwortung im internationalen Umfeld: Schweizer Offiziere im Assessment der KFOR

Im Osten des Kosovo, im amerikanischen Camp Bondsteel, arbeitet ein kleiner internationaler Stab täglich daran, aus unzähligen Einzelmeldungen ein klares Lagebild für ihren Verantwortungsbereich zu formen. Einer von ihnen ist ein Schweizer Offizier im Regional Command East (RC-E) der KFOR. Als Deputy Chief Assessment ist Major Fabio dafür verantwortlich, Informationen zu analysieren, Zusammenhänge zu erkennen und mögliche sicherheitsrelevante Entwicklungen frühzeitig sichtbar zu machen. Was auf den ersten Blick nach reiner Büroarbeit klingt, ist in Wirklichkeit ein zentraler Bestandteil der KFOR. Denn Entscheidungen im Einsatzraum basieren nicht auf einzelnen Meldungen, sondern auf sorgfältig bewerteten Gesamteinschätzungen.

Major Fabio arbeitet als Deputy Chief Assessment im amerikanischen Camp Bondsteel.

Text und Fotos Fachof Fiona Lehmann, Presse- und Informationsoffizierin SWISSCOY 53

Die Grundlage der Arbeit bilden die sogenannten Daily Situational Reports (DSR). Diese täglichen Lageberichte werden von den Liaison and Monitoring Teams (LMT) erstellt, die im gesamten Verantwortungsgebiet des RC-E unterwegs sind. Die Beobachtungsteams stehen im direkten Kontakt mit der lokalen Bevölkerung, mit Behörden, politischen Akteuren und religiösen Vertretern. Sie nehmen Stimmungen, Sorgen und Veränderungen wahr und halten diese in ihren Rapporten fest. Im Tactical Effect Centre (TEC), einer multinationalen Zelle innerhalb des RC-E, werden diese Berichte analysiert. Ziel ist es, erklärt Major Fabio, Muster und Trends zu erkennen und aus vielen einzelnen Beobachtungen ein übergeordnetes Lagebild zu erstellen. Während die LMT die Mikroebene abdecken, entsteht im Assessment die Makroebene – das sogenannte «Big Picture». Dieses bildet die Grundlage für Entscheidungen auf Führungsebene der KFOR-Mission.

Das Regional Command East – Verantwortung für einen ganzen Einsatzraum

Die KFOR in Kosovo ist in zwei regionale Führungsbereiche gegliedert: Regional Command East mit Sitz im amerikanischen Camp Bondsteel und Regional Command West im italienischen Camp Villaggio Italia. Diese Regional Commands lassen sich vereinfacht mit grossen militärischen Verbänden vergleichen, die jeweils für ein klar definiertes Gebiet verantwortlich sind. Das RC-E führt die ihm unterstellten LMT, koordiniert nicht-kinetische Massnahmen wie Präsenz und Dialog, stellt die Bewegungsfreiheit sicher und überwacht die Administrative Boundary Line, also die administrative Grenzlinie im Norden zu Serbien.

Schweizer LMT als wichtiger Teil des Informationsnetzwerks

Für das Assessment sind alle eingehenden Berichte gleichermassen wichtig – unabhängig von der Nation der KFOR-Angehörigen, die diese verfassen. Der offizielle Austausch läuft über klar definierte Kanäle. Gleichzeitig ist es für die tägliche Arbeit ein Vorteil, dass der Schweizer Deputy Chief Assessment einen direkten Draht zu den Schweizer LMT hat, etwa für schnelle Rückfragen oder zusätzliche Einordnungen.

Auffällig ist die Vielfalt innerhalb der multinationalen LMT-Struktur. Die Schweiz entsendet oft junge, gut ausgebildete Soldatinnen und Soldaten mit ziviler und militärischer Erfahrung. Aber auch ältere erfahrenere Personen, wie das andere Nationen tun. Dies kann im kulturellen Kontext des Kosovo den Zugang zur Bevölkerung erleichtern. Für das Assessment ergibt sich daraus ein breit abgestützter, vielschichtiger Informationsfluss, der die Qualität der Lagebeurteilung erhöht.

Stabsarbeit als Schlüsselkompetenz

Die Tätigkeit im Assessment erfordert eine strukturierte Arbeitsweise und die Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen. Erfahrungen aus der Stabsarbeit in der Schweizer Armee, aus Führungsfunktionen in der Miliz und aus dem Berufsalltag als Offizier erweisen sich dabei als zentral. Major Fabio erläutert im Gespräch, dass in einem multinationalen Umfeld unterschiedliche Denkweisen, Prozesse und militärische Kulturen aufeinandertreffen. Entscheidend ist nicht, wie ein Ziel erreicht wird, sondern dass alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten.

Internationale Zusammenarbeit im Camp Bondsteel

Das Camp Bondsteel ist das grösste amerikanische Camp im Kosovo. Innerhalb dieser stark US-geprägten Umgebung arbeitet die Assessment-Zelle als international zusammengesetztes Team. Slowenische, ungarische, italienische und schweizerische Offiziere arbeiten eng zusammen, getragen von einem respektvollen und kollegialen Arbeitsklima. Der Austausch mit den US-Streitkräften ist dabei besonders lehrreich. Ihre Arbeitsweise beruht auf klaren Regeln und Prozessen. Gerade dieser Erfahrungsaustausch macht den Einsatz fachlich besonders wertvoll.

Mehr als ein Einsatz – ein Blick über den Tellerrand hinaus

Die Arbeit im RC-E vermittelt eine neue Perspektive auf den Kosovo und den gesamten Balkan. Sie zeigt, wie wichtig Friedensförderung für die Sicherheit Europas – und damit auch für die Schweiz – ist. Gleichzeitig liefert der Einsatz wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Schweizer Armee, insbesondere im Bereich der Interoperabilität, also der Fähigkeit, effektiv mit anderen Nationen zusammenzuarbeiten. Diese gilt es gezielt zu fördern, vor allem auch im Zusammenspiel von Berufs- und Milizoffizieren in Einsätzen wie diesem.

Die tägliche Zusammenarbeit in einem multinationalen Umfeld hat meine Fähigkeit verbessert, verschiedene Arbeits- und Entscheidungsmethoden effektiv zu integrieren. Insgesamt hat die KFOR-Mission meine Fähigkeit, in internationalen Stäben interoperativ zu arbeiten, nachhaltig gestärkt.
Major Fabio, Deputy Chief Assessment SWISSCOY 53

Kameradschaft über Distanzen hinweg

Räumlich ist das Camp Bondsteel weit vom restlichen Schweizer Kontingent entfernt. Umso wichtiger ist es, die Kameradschaft aktiv zu pflegen. Besuche in anderen Camps, persönliche Kontakte und gemeinsame Momente abseits des Dienstes tragen dazu bei, den Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. «Ein Kaffee unter Kameraden kann manchmal genauso wichtig sein, wie ein formelles Meeting» sagt Major Fabio. Denn auch im multinationalen Umfeld bleibt Kameradschaft ein zentraler Pfeiler des Einsatzes.

Das Assessment Team, in welchem Major Fabio seine Arbeit im Regional Command East verrichtet.