Schweizer Beitrag zur Stabilität in Korea
Seit 72 Jahren überwachen Schweizer Armeeangehörige im Rahmen der NNSC das Waffenstillstandsabkommen zwischen Nord- und Südkorea. In der Funktion als Operationsoffizier ist man mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert und agiert in einem multinationalen delikaten Umfeld.

Text Oberstleutnant Livio Räber, Operationsoffizier NNSC, Südkorea
Eine der operationellen Kernaufgaben der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC) besteht heute darin sämtliche Aktivitäten der militärischen Waffenstillstandskommission UNCMAC1 zu beobachten und unabhängige Berichte zu verfassen. Damit verschafft die NNSC der Tätigkeit der UNCMAC Legitimität und Transparenz im Kontext der internationalen Zusammenarbeit und minimiert Provokationen sowie Eskalationen. Als Operationsoffizier fällt diese Kernaufgabe in meinen Verantwortungsbereich, den ich zusammen mit meinem schwedischen Kollegen abdecke. Wir sind auch bei Untersuchungen nach Waffenstillstandsverletzungen präsent, liefern einen neutralen Blickwinkel und tragen mit unseren Initiativen zur Risikominimierung für Zwischenfälle bei.
Alltag als Operationsoffizier
Konkret bedeutet dies, dass ich mich an einem Operationstag frühmorgens mit dem UNCMAC-Team südlich der designierten Zone treffe, in der es Kontrollen, Inspektionen oder spezielle Untersuchungen nach Waffenstillstandsverletzungen durchführen wird. Von dort fahren wir mit unseren Geländefahrzeugen in Richtung Norden, wo die südkoreanischen Begleitoffiziere der jeweiligen Einheit an der sogenannten «Civilian Control Line» auf uns warten. Diese liegt circa fünf Kilometer von der demilitarisierten Zone (DMZ) entfernt. Ab hier ist das Gebiet streng militärisch überwacht und der Zutritt ist für zivile wie militärische Personen nur noch sehr beschränkt möglich. Das Gelände kann sehr anspruchsvoll sein: Die Wege führen durch dichte Vegetation, über Flüsse und Bäche, auf steile Hügel, vorbei an Minenfeldern und militärischen Einrichtungen. Im Osten ist das Gebiet zudem viel hügeliger als im Westen, was die Fahrzeiten in die DMZ teilweise massiv verlängert.
Inspektion von Guard Posts
Auf den sogenannten Guard Posts angekommen erhalten wir ein Briefing des lokalen Kommandanten, wobei der Fokus auf die Waffenstillstandsbestimmungen gerichtet ist. Wir haben zudem die Möglichkeit mit Kadern und Soldaten über ihre Erfahrungen in der DMZ zu sprechen. Ein Tag kann lang werden, weil wir bis zu fünf verschiedene Guard Posts pro Inspektionstag aufsuchen und es anschliessend alle Beobachtungen in einem Bericht zusammenzufassen gilt. Das UNCMAC-Team und ich übernachten jeweils in einem einfachen Motel in einem Dorf oder einer kleinen Stadt in der Nähe der Einheit, die wir gerade besucht haben, da die Distanz zurück in das NNSC-Camp in Panmunjom zu gross ist. Eine Fahrt von Panmunjom an die Ostküste des Landes dauert beispielsweise bis zu fünf Stunden, in das Zentrum des Landes drei bis vier Stunden.
Interessante Herausforderungen
Der Operationsoffizier muss in der Lage sein in der DMZ weitgehend selbstständig und zielgerichtet zu arbeiten. Es gibt kein Lehrbuch, das einem sagt, wie man seine Tätigkeiten ausführen soll. Man muss sich detailliert mit den Bestimmungen des Waffenstillstands aber auch mit der Kultur in Korea auseinandersetzen und über militärisches Wissen wie Waffensysteme, Rangstrukturen und Fahrzeuge verfügen. Weiter ist eine grosse Flexibilität erforderlich, da jede Woche wieder anders ist bezüglich Team, Einheit, Gebiet, Dynamik und Aufgaben. Es bedeutet auch, dass man viel unterwegs ist und aus dem Koffer lebt. Eine der Herausforderungen besteht darin in einer passiven Rolle als Beobachter die Momente zu erkennen, in denen man sich aktiv einbringen und einen Mehrwert generieren kann. Zudem braucht es viel Geduld, denn die Arbeit ist langfristig ausgerichtet und man muss die kleinen Erfolge als Teilziele betrachten. Die extremen Wetterverhältnisse in Korea stellen eine weitere Herausforderung dar und bedingen eine gute Vorbereitung. Im Sommer sind Temperaturen von 40° C mit über 80% Luftfeuchtigkeit keine Seltenheit und im Winter können die Temperaturen auf Meereshöhe auf unter -25° C fallen. Dazu kommen heftige Monsun-Regenfälle im Sommer sowie Eis und Schneefall im Winter.
Leben mit Psy OPS
Fast ein Jahr lang beschallten sich Nord- und Südkorea gegenseitig Tag und Nacht über die Lautsprecheranlagen, die beidseits der 248 Kilometer langen militärischen Demarkationslinie stehen. Der Süden liess meistens K-Pop-Musik und Nachrichtenmitteilungen laufen. Vom Norden her waren Sirenen, metallische Geräusche, Tiergeräusche und Kriegslärm zu hören. Ob in der DMZ unterwegs oder im Schweizer Camp in Panmunjom – dieser Art von psychologischer Kriegsführung waren wir rund um die Uhr ausgesetzt und versuchten uns bestmöglich zu schützen. Dazu zählten Gehörschutz für die Nacht und bei Annäherung an die Lautsprecher sowie Reduzierung der Zeit im Freien. Eine solch langfristige Lärmbelastung kann zu anhaltenden Schlafstörungen und anderen Stresssituationen führen. Glücklicherweise wurde die Propaganda im Juni 2025 durch den neuen südkoreanischen Präsidenten gestoppt und Nordkorea stellte am gleichen Tag seine Aktivitäten als Reaktion darauf ebenfalls ein. Dies ist eine positive Entwicklung in unserem Engagement für Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel. Ich erachte es nach wie vor als grosses Privileg in diesem Umfeld tätig zu sein, gerade weil die Herausforderungen und die Komplexität der Themen so vielschichtig sind.
Mehr Informationen: www.nnsc-korea.org
1Die United Nations Command Military Armistice Commission (UNCMAC) ist ein Gremium des United Nations Command, das 1953 im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens zwischen Nord- und Südkorea geschaffen wurde. Ihre Aufgabe ist es die Einhaltung des Waffenstillstands zu überwachen und Zwischenfälle in der demilitarisierten Zone zu untersuchen.
