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Fashion Victims in grün

WK-Soldaten tauschen für 3 Wochen ihr ziviles Leben gegen ein militärisches Umfeld. In einer losen Reihe versucht sich Cuminaivel verschiedenen Phänomenen im Alltag eines Miliz-Soldaten anzunähern. Heute: Teil 3 – die Kleidung.

21.01.2020 | CUMINAIVEL | sf

Militärischer Alltag: Kleider
Tenue «Elvis in Vietnam» – NEF

«WK? Grüne Ferien!», heisst es im Volksmund, und für einmal liegt er nur halbrichtig. Schliesslich übernachten auch sozial bewusste, ökologisch verantwortungsvolle Low-Budget-Touristen mit Heilandsandalen in den seltensten Fällen in unterirdischen Luftschutzbunkern, von normalen Urlaubsreisenden ganz zu schweigen. Die Ferien besagter Ökotouristen unterscheiden sich aber auch in puncto «grün» vom Dienst der WK-Pflichtigen. Letztere sind nämlich weniger für ihr klimapolitisches Engagement als vielmehr für ihr Tenue bekannt: das grüne, erdfarben gescheckte Gewand.

Der «Kämpfer», wie ihn unsere Väter liebevoll genannt haben, hat nicht nur Tradition, sondern auch System. Seine Funktion besteht nämlich nur vordergründig darin, den Träger faktisch unsichtbar zu machen. (Mal davon abgesehen, dass das grün-braune Camouflage-Muster in der weissen Pracht von Davos nur selten Tarnung bietet.) Seine wahre Bestimmung liegt in der Erzeugung von Einheit – gegen aussen wie innen.

Während Kleidung im Alltag der postmodernen Gesellschaft vorrangig dazu dient, seiner Individualität Ausdruck zu verleihen, wie die Social-Media-Profile abertausender Streetstyle-Blogger und Fashion Victims offenbaren, hat sie im Alltag der Armee die gegenteilige Funktion: Das Individuum tritt zurück, um sich selbstlos im grösseren Ganzen aufzulösen.

Doch was im Drill der RS funktionieren mag, ist bei drei Wochen WK im Jahr kaum mehr als ein hehrer Gedanke. Mit fortschreitender Dauer des Dienstes nistet sich der Keim der Selbstverwirklichung auch hier ein und treibt mitunter Blüten, die den Autoren des GS Tränen in die Augen treiben würden.

Es beginnt subtil und regelkonform bei der Art, seine Mütze zu rollen (besonders präsent sind die Modelle Alpöhi, Snowboarder und Hochseefischer), und geht über das provokant nonchalante Tenue Vietnam bis hin zum aufgestellten Kragen der TAZ-Jacke. Irgendwie findet sich auch im Militär ein Weg zu zeigen, was für ein modebewusstes Schneeflöcklein in einem steckt, ganz wie im Zivilen. Dasselbe in Grün quasi.

Dabei hat das Einheitstenue so viele Vorteile: keine Qual der Wahl, Taschen noch und nöcher und es ist nicht nur sozial akzeptiert, sondern ausdrücklich erwünscht, ja sogar befohlen, die Hose knapp über dem Knöchel mit einem Gümmeli zusammenzubinden. (Wenngleich darunter lange Socken getragen werden müssen.)

Vor allem aber bedeutet die militärische Kleidung die herrliche Befreiung mühsamer Alltagsentscheidung. Sie ist das, was sie früher war, bevor die Welt kompliziert und der Mensch eitel wurde: einfach ein Schutz gegen Wind und Wetter.