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Konflikt im Sudan erschwert Situation im Südsudan

Wie in fast allen UNO-Missionen verschlechtert sich auch im Südsudan die Sicherheitslage, nicht zuletzt aufgrund der Flüchtlingswelle aus dem Sudan. Dies wirkte sich direkt auf die tägliche Arbeit des Schweizer Stabsoffiziers aus, der im Hauptquartier der UNMISS (United Nations Mission in the Republic South Sudan) im Jahr 2023 für die Erstellung des jeweiligen Lagebildes verantwortlich war.

30.01.2024 | Major Christoph Wyss berichtete in der Swiss Peace Supporter Ausgabe 4/23 über seinen Einsatz im Südsudan vom 2023.

Major Christoph Wyss befand sich in der UNO-Mission im Südsudan. Als Senior Analyst in der Nachrichtenzelle war er für die Erstellung der täglichen Lagebilder verantwortlich.
Major Christoph Wyss befand sich in der UNO-Mission im Südsudan. Als Senior Analyst in der Nachrichtenzelle war er für die Erstellung der täglichen Lagebilder verantwortlich.


Der Einsatz in einer Friedensmission auf dem afrikanischen Kontinent ist eine Lebenserfahrung an sich – wenn es sich dabei noch um das jüngste Land handelt insbesondere. Seit der Südsudan im Jahr 2011 seine Unabhängigkeit erlangte, wurde der jüngste UNO-Mitgliedstaat durch zwei Bürgerkriege in den Jahren 2013 und 2016 erschüttert. Im September 2018 vereinbarten die Kontrahenten eine Übergangsphase, die bereits zweimal verlängert wurde. Die ersten freien Wahlen seit 2011 sollen im Dezember 2024 stattfinden

Nachrichtenbeschaffung variiert saisonal

Der Südsudan ist fast 16-mal so gross wie die Schweiz, verfügt jedoch nur über etwa 300 km asphaltierte Strassen. Dies reduziert die Patrouillentätigkeit der Militärbeobachter stark, vor allem in der Regenzeit von Juli bis Oktober. Um ein aktuelles Lagebild zu erhalten, muss man während dieser Zeit vermehrt auf Helikopterpatrouillen ausweichen, was Einschränkungen und Restriktionen zur Folge hat, da nicht genügend Helikopter zur Verfügung stehen. Aufgrund der verminderten Mobilität sind viele Gebiete für das UNMISS-Personal nicht erreichbar und es entsteht eine Lücke in der Nachrichtenbeschaffung. Dies hat auch Auswirkungen auf das Hauptquartier in Juba, wo ich meiner Tätigkeit als Senior Analyst in der Nachrichtenzelle (U2) nachgehe: Ein Lagebild zu erstellen liegt in meiner Verantwortung und ist unter diesen Bedingungen teilweise schwierig.

Lagebild elementar für Planung

Im Hauptquartier laufen alle Informationen aus den sechs Sektoren zusammen, in welche das Land durch die UNO regional aufgeteilt ist. Die ausgewerteten Informationen werden auf ihre Relevanz, Quelle und Plausibilität überprüft, was vielfach eine grosse Herausforderung darstellt. Die verdichteten Informationen werden im Anschluss für verschiedene analytische Produkte verwendet. Als Senior Analyst U2 obliegt mir die operative Führung der Analysten im Tagesgeschäft. Weiter fungiere ich als Bindeglied zum Chef U2 und zu den Partnerorganisationen der UNO, was die Definition von Schwerpunkten, Prognosen und Annahmen umfasst. Ebenso definiere ich in Absprache mit dem Chef U2 situativ und den aktuellen Umständen Rechnung tragend neue Themenschwerpunkte. So können wir insbesondere dem Force Commander ein Lagebild mit möglichen Entwicklungsszenarien unterbreiten, wodurch bei Patrouillenplanung oder Truppenverschiebungen proaktiv gehandelt werden kann.

Aktuell weist die UNMISS eine Truppenstärke von rund 14 000 Soldaten aus 73 Nationen auf, hinzu kommen die polizeiliche und zivile Komponente. Im Hinblick auf die Wahlen im Dezember 2024 wurde seitens UNMISS der Antrag auf ein zusätzliches Infanteriebataillon als Reserve gestellt. Zurzeit verfügt die Mission über 13 Bataillone im Bereich Kampf, Logistik und Pioniere. Zudem steht ein Einsatz von rund 300 Wahlbeobachterinnen und -beobachtern zur Diskussion. Die Wahlen werden auch einen direkten Einfluss auf die UNMISS haben – abhängig von Durchführung und Ausgang wird eine Anpassung des Mandats erforderlich. 

Sudanesische Flüchtlinge verschärfen Spannungen

Seit Ausbruch der Sudan-Krise Mitte April 2023 ist der Südsudan mit einer immensen Flüchtlingswelle konfrontiert, die bis dato rund 250 000 Menschen mehrheitlich über den Norden ins Land vertrieben hat. Dies führt zu einer Anspannung der bereits prekären humanitären Lage, denn der Südsudan weist gemessen an seiner Bevölkerung von 12,4 Mio Menschen seit den beiden Bürgerkriegen 2,3 Mio Binnenflüchtlinge auf. Hinzu kommt, dass das World Food Programme aufgrund von Budgetkürzungen Hilfslieferungen reduzieren musste und sich die Versorgung der 22 Flüchtlingslager, die über das ganze Land verteilt sind, insbesondere in der Regenzeit als schwierig gestaltet. Am stärksten betroffen sind die beiden Lager in Malakal und Renk im nördlichen Teil des Landes. Unter den dortigen Geflüchteten verursachten ethnische Spannungen Anfang Juni 2023 eine Eskalation der Gewalt.

Die angespannte Flüchtlingssituation widerspiegelt sich in meinem Arbeitsalltag insofern, als dass nun proaktiv mehr Szenarien erarbeitet werden müssen, in denen reflektiert wird, wie zum Beispiel im Falle einer interethnischen Eskalation im Camp in Malakal seitens UNMISS zu reagieren ist. Der Schutz der Zivilbevölkerung gehört zum Mandat der UNMISS und muss mit den bestehenden Mitteln erreicht werden. Der Erfolg der Mission wird daran gemessen, wie erfolgreich und mit welchen Konsequenzen diese Aufgabe umgesetzt wird. Mitte Oktober 2023 erfolgte eine Inspektion seitens eines Vertreters aus dem UNO-Hauptquartier in New York, welche sich nur mit der Problematik «Schutz der Zivilbevölkerung» auseinandersetzte. Dies widerspiegelt den Stellenwert dieser Aufgabe im UNMISS-Mandat.


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