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MitteilungVeröffentlicht am 27. Mai 2026

Der Mehrwert friedensfördernder Einsätze

Im Dezember 2024 tauschte Oberst Thomas Ott für die Dauer eines Jahres seinen Arbeitsplatz im Kompetenzzentrum SWISSINT, wo er seit vielen Jahren als Chef Führungsgrundgebiet 3/5 Operationen und Planung tätig ist, gegen einen Einsatz in Syrien. In der Funktion als Chief Observer Group Golan – Damaskus konnte er seine langjährige Erfahrung in der militärischen Friedensförderung gezielt einbringen und gleichzeitig wertvolle neue Erkenntnisse gewinnen. Die daraus gewonnenen Erfahrungen wirken als Multiplikatoren für künftige Auslandseinsätze sowie für die Weiterentwicklung der Schweizer Armee im Hinblick auf die Verteidigungsfähigkeit und fliessen somit als Return on Investment ins SWISSINT und in die Armee zurück.

Text und Fotos Oberstleutnant Thomas Ott, als Chief Observer Group Golan – Damaskus, Teil der UNTSO in Syrien (im friedensfördernden Einsatz von Dezember 2024 bis Dezember 2025)

Der Einsatz als Chief Observer Group Golan -Damaskus im Rahmen der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) bot mir während eines Jahres auf der syrischen Seite des Golans einen einzigartigen Ein­blick in die Wirksamkeit der schweizerischen Friedensförderung. Mit der Verantwortung über 61 internationale Offiziere aus 26 Nationen von fünf Kontinenten sowie unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hinter­gründen stellte die Führung dieser Beobachtungsgruppe ein anspruchs­volles Zusammenspiel von Unparteilichkeit, Professionalität und opera­tioneller Effizienz dar.

Krisenmanagement nach Sturz der Regierung

In den ersten Tagen meines Einsatzes nahmen syrische Rebellen die Hauptstadt Damaskus ein und stürzten den Präsidenten Baschar al-As­sad. Inmitten von Gefechtslärm und unter permanenten psychischen Druck waren meinerseits Führung, Kommunikation und Krisenmanage­ment auf internationalem Niveau gefordert. Die tägliche Abstimmung strategischer Kommunikation – von der UNO-Ebene über internationale Partner bis hin zur lokalen Bevölkerung – stellte eine erhebliche Heraus­forderung dar, um die UNO als glaubwürdiger, unparteilicher und ver­lässlicher Akteur zu positionieren und anerkannt zu bleiben. Ein sichtba­res Zeichen unserer Arbeit im Rahmen des Mandats war die konsequente physische Präsenz der Militärbeobachterinnen und -beobachter auf der syrischen Seite des Golans: Flagge zeigen, zuhören, Begegnungen schaf­fen. Diese Nähe förderte Vertrauen und Stabilität. Tägliche Assessments, Planung, Revision der Planung, Führung im Einsatz sowie die einsatz­nahe Auswertung waren unerlässlich.

Der Einsatz im Feld lehrt echte Probleme zu verstehen, Varianten zu ent­wickeln und Lösungsansätze konsequent umzusetzen. Nebst Neugier, Lernbereitschaft, kultureller Sensibilität und Reflexion als zentrale Prin­zipien, gilt es als Chef aktiv Rückmeldungen zu Entscheidungen einzufor­dern, zuzuhören, nachzufragen, zu analysieren und mit Weitblick zu füh­ren. Durch permanente strukturierte Wissensweitergabe, kurze tägliche Trainings und gegenseitiges Lernen entwickelten wir eine widerstandsfä­hige, lernorientierte Observer Group Golan – Damascus.

Return on Investment

Der im Echteinsatz und realen Bedingungen gewonnene Kompetenz-und Erfahrungszuwachs floss bereits während meines Einsatzes als Return on Investment ins SWISSINT zurück, welches dieses Know-how auf aktu­elle und künftige Einsätze übertragen kann. Friedensfördernde Einsätze generieren ebenfalls einen Return on Investment für die gesamte Armee, deren Miliz und das Berufsmilitär. In einem von Volatilität, Unsicher­heit und Komplexität geprägten multinationalen Umfeld zu führen, Ent­scheidungen zu treffen und Verantwortung zu delegieren stärkt die Füh­rungsreife der Einsatz leistenden Peacekeeperinnen und Peacekeeper. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Nationen fördert die Anpassungsfä­higkeit, Toleranz und kommunikative Präzision – alles Schlüsselelemente für die internationale Kooperation und die nationale Verteidigungsfä­higkeit. Zudem erhöhen das erforderliche vorausschauende und antizi­pierende Planen und Handeln die Resilienz und Flexibilität. Durch das Denken in Varianten, vernetztes Planen über Raum, Zeit und Informa­tion wird die Handlungsfähigkeit auch bei Unsicherheit und Ressour­cenknappheit gesichert – eine Kompetenz, die in der vorausschauenden Planung gezielt ausgebaut werden sollte. Der Einblick in die Vorgehens­weisen der Konfliktparteien ermöglichte mir wertvolle Erkenntnisse für den Benchmarkvergleich mit der Schweizer Verteidigungsfähigkeit, die ich in die Schweizer Armee einbringen kann.

Als Chief Observer Group Golan lernte ich, dass wirksame Führung auf Zuhören, permanenter Lernbereitschaft, strikter Unparteilichkeit und Kooperation mit allen Partnern und Konfliktparteien beruht – und somit nicht auf Macht, sondern auf Vertrauen und Respekt. Jeder Friedensein­satz ist ein wichtiges und aktives Trainingsfeld für verantwortungsbe­wusste, reflektierte und handlungsfähige Schweizer Offiziere und die Ver­teidigungsbereitschaft der Schweizer Armee.