Der KFOR-Einsatz als Mehrwert für die Armee
Die Schweizer Armee beteiligt sich seit über zwei Jahrzehnten mit dem SWISSCOY-Kontingent an der Kosovo Force (KFOR). Im Rahmen dieses Engagements erbringen Armeeangehörige operationelle Leistungen zugunsten der Hauptaufträge der Mission. Gleichzeitig generiert der Einsatz einen nachhaltigen Mehrwert für die Schweizer Armee und stärkt gezielt deren Fähigkeiten.

Text Oberst im Generalstab Christoph Fehr, Kommandant SWISSINT
Fotos SWISSINT
Frieden und Stabilität auf dem Balkan liegen im sicherheitspolitischen Interesse der Schweiz. Vor diesem Hintergrund engagiert sich die Schweizer Armee mit dem SWISSCOY-Kontingent in der UNO-mandatierten und NATO-geführten KFOR. Die Angehörigen der SWISSCOY stellen operationelle Fähigkeiten bereit, die einen aktiven und nachhaltigen Beitrag zur Sicherheit in einer Region bewirken, deren Entwicklung eng mit der Sicherheitslage in Europa verbunden ist und sich im geografischen Umfeld der Schweiz befindet. Mit der SWISSCOY leistet die Schweizer Armee qualitativ hochwertige Beiträge zur operationellen Auftragserfüllung der KFOR. Sie setzt spezialisierte Elemente ein, welche bei der Umsetzung der beiden Hauptaufträge unterstützen: der Gewährleistung eines sicheren und stabilen Umfelds sowie der Bewegungsfreiheit, insbesondere der internationalen Akteure.
Vielfältiger Mehrwert für die Armee
Der Einsatz der SWISSCOY dient nicht nur der internationalen Friedensförderung, sondern bietet der Schweizer Armee gleichzeitig einen vielschichtigen Mehrwert. Material, Systeme und Ausrüstung können im Echteinsatz angewendet und systematisch getestet werden – unter realen Bedingungen, die in der Schweiz in dieser Form nicht nachgestellt werden können. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse fliessen in die Weiterentwicklung von Beschaffung, Instandhaltung und Ausbildung ein und leisten einen nachhaltigen Beitrag zum Fähigkeitsaufbau der Schweizer Armee.
Der Friedensförderungseinsatz ermöglicht zudem gezielt spezifische Fähigkeiten auf- und auszubauen, bei Bedarf zu skalieren und für die Gesamtarmee zu nutzen. So geschehen beispielsweise, als deutsche und britische Truppen die Wartung der Mabey-Unterstützungsbrücken der SWISSCOY übergaben. Um für die Friedensförderung das notwendige Know-how aufzubauen, beschaffte die Schweizer Armee einige wenige Systeme, die heute von Durchdienern eingesetzt werden und aus der Katastrophenhilfe nicht mehr wegzudenken sind – wie sich 2024 im Maggiatal oder 2025 im Val de Bagnes zeigte. Aktuelle Beispiele im Rahmen des Fähigkeitsaufbaus sind das geschützte Bergen von Fahrzeugen bis 30 Tonnen sowie die operationelle Nutzung eines Abwehrsystems gegen Mini-Drohnen. Letztere Fähigkeit trägt unmittelbar zur Sicherheit aller eingesetzten KFOR-Angehörigen bei und gewinnt angesichts der zunehmenden Verbreitung von Drohnen stetig an Bedeutung. Ein solcher Praxiseinsatz ist in der Schweiz aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen nicht oder nur eingeschränkt möglich. Die daraus gewonnenen Erfahrungen finden Eingang in Ausbildung, Doktrin und Fähigkeitsentwicklung.
Gewinn von Führungserfahrung im Echteinsatz
In Friedensförderungsmissionen werden Führungs- und Stabsfunktionen anhand der Truppenstärke sowie hochwertiger Beiträge der beteiligten Nationen vergeben. Dank dem Entscheid des Bundesrates vom November 2024, das SWISSCOY-Kontingent um 20 Personen auf 215 zu erhöhen, konnte die Schweizer Armee eine multinationale Transportkompanie sowie das Kommando über die logistische Unterstützungseinheit (JLSG1) der KFOR übernehmen. Die Führung der Transportkompanie eröffnet insbesondere jungen Offizieren die Möglichkeit im multinationalen Umfeld Führungserfahrung im Echteinsatz zu sammeln. Dank des Kommandos über die JLSG sowie weiterer Stabsfunktionen im Hauptquartier und in den Brigaden der KFOR – etwa als Chief Information Activities Cell oder als Verantwortlicher für die Koordination nicht kinetischer Effekte2 – sind Schweizer Offiziere und Unteroffiziere eng in multinationale Führungsprozesse eingebunden. In dieser Rolle vertiefen sie ihre Führungs- und Kooperationskompetenzen und erwerben teilweise neue Fähigkeiten. Nach einem mehrmonatigen Einsatz im Bereich der wirkungsorientierten Operationsführung (Effect Based Operations) sowie in NATO-Prozessen bringen sie ihr Wissen und ihre Erfahrung zurück in die Schweizer Armee und fördern damit deren Kooperationsfähigkeit.
Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit
All dies verbessert die Interoperabilität der Schweizer Armeeangehörigen nachhaltig und generiert einen substanziellen Return on Investment: Der Erfahrungsgewinn im Echteinsatz führt zu einem gezielten Ausbau fachlicher, militärischer und führungsbezogener Kompetenzen insbesondere der Offiziere und höhere Unteroffiziere. Insgesamt trägt der Einsatz der SWISSCOY damit nicht nur zur Sicherheit im Einsatzgebiet bei, sondern stärkt die Einsatzfähigkeit der Schweizer Armee und leistet einen messbaren Beitrag zur langfristigen Verteidigungsfähigkeit der Schweiz.
1 Die Joint Logistic Support Group (JLSG) ist zuständig für Genie- und Transportwesen, Kampfmittelräumung, Führung des Militärflughafens Pristina, die Sicherstellung der Versorgung mit Betriebsstoffen und Koordination mit den Seehäfen in Durrës (Albanien) und Thessaloniki (Griechenland). Sie ist einer der sechs Truppenkörper, welche dem Kommandanten der KFOR direkt unterstellt sind.
2 Unter nicht kinetische Effekte fallen zivil-militärische Zusammenarbeit, die Patrouillentätigkeiten der Verbindung- und Beobachtungsteams (LMT), Informationsoperationen und die psychologische Kriegsführung.

