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MitteilungVeröffentlicht am 16. Juni 2026

Cyrus Wagner berichtet aus dem UNO-Hauptquartier in New York

Mitten im UNO-Hauptquartier in New York bringt Cyrus Wagner seine langjährige Einsatzerfahrung in der militärischen Friedensförderung ein. Im folgenden Bericht schildert er, wie sein Arbeitsalltag im internationalen Umfeld aussieht.

Cyrus Wagner verfügt über eine jahrelange Erfahrung in der militärischen Friedensförderung und kann diese im UNO-Hauptquartier in New York im Bereich Militärlogistik einfliessen lassen. Im Hintergrund ist der Saal der UNO-Generalversammlung zu sehen.

Text und Fotos Cyrus Wagner, Uniformed Capabilities Support Division im Department of Operational Support, UNO New York

Es ist 7.45 Uhr in Manhattan. Die Stadt erwacht und ich mache mich auf den Weg ins UNO-Hauptquartier am East River. Mein Büro befindet sich im 13. Stock des Sekretariatsgebäudes, wo ich für die Uniformed Capabilities Sup­port Division im Department of Operational Support tätig bin. Hier dreht sich alles um das Memorandum of Understanding und die Rückerstattungsrege­lung für Truppensteller.

Die Reduktion der finanziellen Beiträge an die UNO durch Teile der Mitglieds­staaten stellt die Organisation bereits seit vergangenem Jahr vor Herausfor­derungen. Mit der Reforminitiative «UN80» begegnet die UNO dieser Ent­wicklung mit Massnahmen, welche die Effizienz steigern, Doppelspurigkeiten abbauen und Ressourcen gezielter an Mandate binden sollen. Das von der Generalversammlung verabschiedete Budget folgt weitgehend dem Vorschlag des UNO-Generalsekretärs. Es sieht eine Reduktion der finanziellen Mittel um rund 15 Prozent sowie des Personalbestands um rund 19 Prozent vor. Diese Ent­wicklung betrifft auch die Friedensförderung der UNO und damit meine Abtei­lung, die für sämtliche logistischen Belange sowie deren Abgeltung gegenüber den Truppenstellern verantwortlich ist. Wir befassen uns dabei mit vertrags­relevanten Aspekten, die in den jeweiligen Vereinbarungen (Memorandum of Understanding) schriftlich festgehalten sind. Klingt das trocken? Ist es nicht. Denn hinter jedem Dokument stehen Menschen, Missionen – und oft auch politische Entscheidungen, die kontrovers diskutiert werden.

Koordination logistischer Prozesse

Mein Tag beginnt mit einem Blick auf die neuesten Berichte aus den Einsatz­gebieten, gefolgt von Videomeetings mit allen Missionen zwecks Koordina­tionsabsprachen. Die Massnahmen im Rahmen von UN80 führen zu einer Reduktion der Truppen, des eingesetzten Materials und des zivilen Perso­nals. In einem ersten Schritt analysiert das Office of Military Affairs, wie die operationellen Leistungen einer Mission unter den neuen Budgetvorgaben so anzupassen sind, dass das Mandat weiterhin erfüllt – oder wo nötig – redu­ziert werden kann. Anschliessend wird gemeinsam mit den Missionen defi­niert, welche logistischen Mittel in den Einsatzräumen künftig nicht mehr benötigt und daher zurückgeführt werden müssen. Was auf dem Papier oft­mals einfach ist, stellt in der Praxis einen komplexen Abstimmungsprozess dar: Nicht nur müssen Prioritäten innerhalb der Missionen neu gesetzt wer­den, sondern es gilt auch nationale Vorgaben der truppenstellenden Län­der zu berücksichtigen. Diese Planungsphase ist grösstenteils abgeschlos­sen. Nun beginnt die Umsetzung, die viel Koordination erfordert, damit die Einsätze fortgeführt werden können und gleichzeitig Ressourcen verantwor­tungsvoll eingesetzt werden.

Der Bereich Militärlogistik aller UNO-Missionen ist auf vier Desk Officers ver­teilt und meine Aufgabe ist es, diese tatkräftig zu unterstützen, ohne jeweils den Überblick zu verlieren. Wir überwachen den gesamten logistischen Pro­zess und müssen unsere Arbeit sowohl mit internen als auch mit externen Partnern koordinieren. So gilt es zu klären, per wann das Material von den Feldmissionen zentral zusammengetragen wird und für die Rückführung bereitsteht. Das Gewicht und die Masse müssen errechnet werden, damit Offerten bei verschiedenen Fluggesellschaften eingeholt und effizient geplant werden können.

Bei diesen Arbeitsprozessen kann ich meine Erfahrungen als ehemaliger Stabschef der Joint Logistic Support Group innerhalb der KFOR gezielt ein­fliessen lassen. Denn nicht immer verläuft alles wie geplant. Oftmals braucht es pragmatische Lösungen, um ein Geschäft zum Abschluss zu bringen. Gleichzeitig prallen unterschiedliche Prioritäten aufeinander: Jede Abteilung und deren Verantwortlichen haben ihren eigenen Auftrag und ihre eigene Sicht auf Dringlichkeit und Relevanz. Damit trotzdem alle am gleichen Strick ziehen, braucht es Übersicht, Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit zu ver­mitteln. Andernfalls drohen sich Entscheide zu verzögern – und mit ihnen der gesamte Prozess. Der Ausdruck «auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzen» bringt meine Funktion ziemlich gut auf den Punkt.

Langjährige Erfahrung in der Friedensförderung

Seit über zwölf Jahren engagiere ich mich als Offizier zugunsten der militäri­schen Friedensförderung und leistete Einsätze im Nahen Osten, im Kaschmir, in Mali und in Kosovo. Diese Einsätze haben mich gelehrt, wie UNO-Missio­nen funktionieren und wo die Stolpersteine liegen. Ich kenne die Realität im Feld und kann heute im UNO-Hauptquartier dieses wertvolle Wissen in die Prozesse einfliessen lassen. Das macht mich zu einer Brücke zwischen Theorie und Praxis. Die hier gesammelten Erfahrungen und das neu erworbene Wissen werde ich nach dem Einsatzende in meine Miliztätigkeit am Ausbildungszen­trum SWISSINT einbringen können, um künftige Peacekeeperinnen und Pea­cekeeper optimal auf ihre bevorstehenden Einsätze vorzubereiten.

Dieses Engagement im UNO-Hauptquartier ist nicht nur beruflich bereichernd, sondern auch in persönlicher Hinsicht. In den Gängen der UNO-Gebäude treffe ich ehemalige Kameradinnen und Kameraden aus früheren Einsätzen. Es sind Freundschaften, die verbinden und die Arbeit erleichtern. Denn am Ende geht es nicht nur um Zahlen und Policies, sondern um Menschen, die gemeinsam für den Frieden arbeiten. Wenn ich abends das Gebäude verlasse und die Skyline im Sonnenuntergang sehe, weiss ich: Jeder Tag hier ist inten­siv, herausfordernd und sinnvoll.