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SWISSCOY Update - Eine geteilte Stadt

Albanische Flaggen am Strassenrand auf der einen Seite des Flusses, serbische auf der anderen: Getrennt durch den Fluss Ibar, leben Albaner und Serben in der kosovarischen Stadt Mitrovica in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander. Die Spannungen zwischen den zwei Gemeinschaften prägen die geteilte Stadt und damit auch das Arbeitsumfeld des hier stationierten Schweizer Liaison and Monitoring Team (LMT, Verbindungs- und Überwachungsteam).

18.08.2021 | Fachoffizier Michelle Steinemann, Presse- und Informationsoffizierin SWISSCOY 44

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Jessy Grenacher, Fabien Glauser, der Dolmetscher und der Vertreter des Dorfs im Gespräch

Der Grossteil der im Kosovo lebenden Bevölkerung ist albanisch, mit Ausnahme gewisser Regionen im Norden des Landes, die von Kosovo-Serben bewohnt sind. Die serbische Bevölkerung betrachtet den Kosovo aber nicht als ihr eigenes Land, sondern als einen Teil Serbiens. Zwischen den beiden Ländern verläuft keine Staatsgrenze im eigentlichen Sinne, sondern eine Verwaltungsgrenze, die «Administrative Boundary Line» oder «ABL». Hier, in diesem multiethnischen Umfeld, arbeitet das Schweizer Liaison and Monitoring Team. Seine Tätigkeit ist entsprechend komplex und spannend zugleich. 

Umgang mit Unterschieden

Der Kontrast zwischen der in Mitrovica lebenden kosovo-albanischen und kosovo-serbischen Bevölkerung könnte nicht grösser sein: Die Sprache, die Religion, die Kultur, selbst die Währung ändert, sobald man die Brücke zwischen dem Norden und dem Süden der Stadt überquert. Die Aufgaben des LMT in Mitrovica sind dennoch dieselben wie jene der in anderen Regionen des Kosovo stationierten LMT: Als neutrale Beobachter sammeln sie im Gespräch mit der Bevölkerung und auf täglichen Rundgängen Informationen. Oberleutnant Jessy Grenacher, stellvertretender Kommandant des LMT, beschreibt die Beziehung zu den Einwohnerinnen und Einwohnern von Mitrovica so: «Im nördlichen wie auch im südlichen Teil der Stadt müssen wir ein Vertrauensverhältnis zur Lokalbevölkerung aufbauen und pflegen. Beim ersten Treffen können wir in der Regel das Fundament für eine aufrichtige, stabile Beziehung legen. Auf kosovo-albanischer Seite ist die Dankbarkeit für die Anwesenheit der KFOR-Angehörigen grösser; im südlichen Teil von Mitrovica ist daher der erste Kontakt in der Regel einfacher.» 

Treffen mit einem Vertreter der Gemeinschaft

Die Angehörigen des LMT pflegen enge Kontakte zu verschiedenen lokalen Akteuren (Einwohnerinnen und Einwohner, NGO, regionale und lokale Organisationen, Politikerinnen und Politiker usw.). Oblt Grenacher und Sdt Glauser treffen, zusammen mit ihrem Dolmetscher, auf einer Restaurantterrasse den Vertreter eines Dorfs des Bezirks Mitrovica zum Gespräch. Dieser freut sich, das neue Team kennenzulernen, wie er gleich zu Beginn des Gesprächs zum Ausdruck bringt. Während sich Jessy Grenacher mit ihm unterhält, notiert Fabien Glauser, was besprochen wird. Die Verständigung gelingt dank der wertvollen Arbeit des Dolmetschers, der nicht nur die Worte übersetzt, sondern auch die Emotionen des Gesprächspartners wiedergibt und dem LMT damit alle Aspekte des Gesprächs zugänglich macht. 

Ein themenreiches Treffen

Bereits im Vorfeld hat sich Oblt Grenacher anhand der Berichte früherer Angehöriger des LMT in Mitrovica ein erstes Bild verschafft. Dadurch kann er im Gespräch die relevanten Punkte ansprechen, in diesem Fall namentlich die Abfallwirtschaft und den Bau einer neuen medizinischen Einrichtung, und einordnen, wie sich die Situation für das Dorf diesbezüglich entwickelt hat. Der Dorfvertreter seinerseits beschreibt verschiedene Probleme, mit denen sich sein Dorf konfrontiert sieht, und berichtet, mit welchen Anliegen die Dorfgemeinschaft an die Gemeinde gelangt ist. Zum Abschluss des Gesprächs dankt er der KFOR und den Schweizer Beobachtern: «Sie haben so viel für uns getan. Wir werden Ihnen nie genug danken können.» 

Freude an der Arbeit im LMT

Für Oblt Grenacher ist klar: «Mitrovica ist eine spannende Stadt.» Er schätzt den privilegierten, direkten Kontakt zu den Menschen der lokalen Gemeinschaften. Informelle und spontane Treffen im Restaurant, auf der Strasse oder in einem Laden ermöglichen einen Einblick in die Lage vor Ort, und Gespräche über alle Arten von Themen ergeben sich leichter. Jessy Grenacher nimmt auch an den beliebten Schachturnieren teil und gesteht lachend: «Die Kosovo-Serben sind begnadete Schachspieler. Ehrlich gesagt habe ich haushoch verloren.» 

Schrittweise Annäherung

Der stellvertretende Kommandant des LMT erwähnt aber auch den langen und schwierigen Weg, der noch zu gehen ist, um der serbischen und der albanischen Bevölkerung im Kosovo ein Zusammenleben zu ermöglichen. «Es gibt verschiedene interethnische Anlässe und Organisationen, die darauf hinwirken, zwischen den Einwohnerinnen und Einwohnern dieser konfliktgebeutelten Stadt Kontakte zu knüpfen», erläutert Oblt Grenacher. Er persönlich ist überzeugt, dass nur die Zeit die noch immer offenen Wunden der Vergangenheit heilen kann.