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150 Jahre seit der Internierung der Bourbaki-Armee

Vom 1. bis 3. Februar 1871 haben die Bewohnerinnen und Bewohner von Les Verrières (NE), Sainte-Croix (VD), Vallorbe (VD) und des Vallée de Joux (VD) gesehen, wie mehr als 87 000 Mann und 12 000 Pferde der französischen Ostarmee unter General Charles Denis Soter Bourbaki die Schweizer Grenze überschritten haben. Ein Ereignis, an das sich die Schweiz noch lange erinnern wird.

24.02.2021 | Kommunikation Verteidigung, Jonathan Binaghi

Bourbaki (2)
Édouard Castres (1881), Bourbaki Panorama (Detail), Luzern

Am 19. Juli 1870 brach zwischen dem Kaiserreich Frankreich und dem Norddeutschen Bund unter preussischer Führung der Krieg aus. Von Anfang an musste Frankreich Niederlagen einstecken. Am 2. September 1870 kapitulierte Kaiser Napoleon III. schliesslich in Sedan, das Zweite Kaiserreich fiel und am 4. September wurde die Dritte Republik ausgerufen. Paris wurde währenddessen belagert. Um die Kapitulation der Hauptstadt zu verhindern, verlagerte Frankreich den Schauplatz der Militäroperationen nach Osten. Doch auch dieser Plan misslang – wegen der Unzulänglichkeit der Ostarmee von General Charles Denis Soter Bourbaki, die eine Einkesselung ihrer Truppen verhindern wollte und deshalb bis nach Besançon zurückwich. Nachdem sich Paris am 28. Januar 1871 ergeben hatte, wurde noch am selben Tag in Versailles der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet.

In der Schweiz hatte die Bundesversammlung bereits ein halbes Jahr zuvor, am 15. Juli 1870, als sich die Spannungen zwischen Preussen und Frankreich verstärkt hatten, die Neutralität der Schweiz erklärt und der Landesregierung alle Vollmachten erteilt. Am 19. Juli, dem Tag der Kriegserklärung Frankreichs an Preussen, ernannte die Bundesversammlung Hans Herzog zum General. Als sich das Kriegsgeschehen der Schweiz näherte, entschied der Bundesrat im Dezember 1870 die Mobilmachung von Truppen zum Schutz der Grenze im Jura. In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1871 erklärte General Herzog den französischen Mittelsmännern, zu welchen Bedingungen die Bourbaki-Armee – die inzwischen völlig demoralisiert und von verschiedensten Entbehrungen gekennzeichnet Zuflucht suchte – die Schweizer Grenze überqueren durfte.

Die französischen Soldaten konnten die Schweizer Grenze überschreiten, nachdem sie ihre Waffen abgegeben hatten. Die Neuenburger und Waadtländer Sektionen des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), die dem Geschehen geografisch am nächsten standen, leisteten Nothilfe für die 87 847 Soldaten, welche die Grenzübergänge im Jura in der Folge passierten. Für das SRK, das erst vier Jahre zuvor unter dem Namen «Hülfsverein für schweizerische Wehrmänner und deren Familien» gegründet worden war, bedeutete dieses Ereignis eine erste Bewährungsprobe. Neben der an der Grenze stationierten Schweizer Armee und dem SRK leistete insbesondere die lokale Bevölkerung aussergewöhnliche und beispiellose Hilfe. Dieses Geschehnis markierte einen Meilenstein in der Schweizer Neutralitätspolitik und beeinflusste deren humanitäre Tradition massgeblich. Es wird noch lange die kollektive Erinnerung der Schweiz prägen.

Nach ihrer Internierung wurden die Soldaten der Ostarmee über fast die gesamte Schweiz verteilt untergebracht und kehrten nach rund sechs Wochen zwischen dem 13. und 22. März 1871 nach Frankreich zurück.