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Weisskittel und Tarnanzug: Die Hausarztpraxis im Militär

Zerrungen, Verstauchungen und Blasen gehören zu einer Rekrutenschule wie Potaufeu und Polenta. Während das eine in die Zuständigkeit der Truppenköche fällt, gelangt das andere zur Militärärztin oder zum Militärarzt. Ein abwechslungsreicher Beruf, der viel Eigenverantwortung und Selbstständigkeit bedeutet. Selber Militärdienst geleistet zu haben, ist dabei keine Voraussetzung. Durchsetzungsvermögen und Ausdauer hingegen schon.

10.12.2019 | Kommunikation Verteidigung, Helen Alt

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Dr. med. Raffaele Rubino in der ambulanten Sprechstunde. (Bild: ZEM)

07.30 Uhr, Waffenplatz Wangen an der Aare: Der Arbeitstag im Militärmedizinischen Zentrum Region (MZR) beginnt mit dem Morgenrapport. Dr. med. Raffaele Rubino, stellvertretender Chefarzt, und sein Team besprechen die Ereignisse der Nacht, das Befinden der aufgenommenen Patienten und die bevorstehenden Visiten. Rubino ist fest angestellter Militärarzt der Militärmedizinischen Region (MMR) 2. Die Region deckt grosse Gebiete der Kantone Aargau, Basel, Bern, Solothurn und Zürich ab und ist allein auf dem Waffenplatz Wangen a.d.A. für rund tausend Angehörige der Armee zuständig. Nebst den fest angestellten Militärärzten leisten auch Milizärzte in der Funktion als Truppenarzt ihren obligatorischen Dienst in den Infrastrukturen der militärischen Sanität.

Auf der Bettenabteilung des MZR Wangen a.d.A. folgt nun die Visite der Patienten. Da aktuell nur ein Truppenarzt im Dienst ist, begleitet Rubino den jungen Kollegen. Die Milizärzte sind dem erfahrenen Stv Chefarzt fachlich unterstellt. Der 49-Jährige versteht sich jedoch nicht nur als Vorgesetzter, sondern auch als Coach für die jungen Ärzte. «Daraus entstehen oft tolle Win-win-Situationen. Kürzlich hatten wir beispielsweise einen Spezialisten für Schlangenbisse bei uns im Truppendienst, der sich bereit erklärte, uns eine Fortbildung auf seinem Fachgebiet zu vermitteln.»

Um 8.00 Uhr beginnt die ambulante Sprechstunde. Im MZR Wangen a.d.A. erscheinen jeden Morgen zwischen 20 und 30 Patienten zu ihrem Termin. Der Militärarzt ist während des Dienstes der Hausarzt des Soldaten. Ihre Patienten seien jung und grundsätzlich gesund, erklärt Rubino: «80% unserer Fälle sind alltägliche Diagnosen wie z.B. Verstauchungen, Knie- oder Rückenschmerzen.» Die restlichen 20% bestünden aus problematischeren Fällen, die vom behandelnden Arzt weitere Abklärungen verlangten. Von einer Herzbeutelentzündung nach einer Grippe bis hin zu einer lebensverändernden Tumordiagnose könne alles dabei sein.

Genau diese Abwechslung schätzt Raffaele Rubino an seinem Beruf. Nach 17 Jahren in der Pharmaindustrie wollte er sich 2018 neu orientieren. Da er bereits während 10 Jahren nebenbei als Mandatsarzt für die Schweizer Armee tätig war, war der Schritt in die Militärmedizin naheliegend. «Militärdienst ist aber keine Voraussetzung für unseren Beruf», betont Rubino. Auch die Schweizer Nationalität sei keine Bedingung. Mitbringen sollte man hingegen Entscheidungsfreudigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Durchsetzungskraft. «Man muss auch unpopuläre Entscheide durchsetzen können. Zum Beispiel wenn man einen Patienten aufgrund eines gesundheitlichen Aspekts aus der Rekrutenschule entlassen muss.» Dafür benötige es Fingerspitzengefühl sowie eine offene und transparente Kommunikation gegenüber allen Beteiligten.

Ein grosser Pluspunkt der Anstellung als Militärärztin/Militärarzt seien natürlich auch die Arbeitsbedingungen, welche die Möglichkeit zur befristeten oder unbefristeten Teil- wie auch Vollzeitarbeit bieten. Rubino erklärt: «Wir hatten auch schon Bewerber, die zwischen der einen und der anderen Arbeitsstelle eine Lücke von 2 bis 3 Monaten hatten, die wir natürlich gerne gefüllt haben.» Denn akuter Fachkräftemangel sei leider auch in der Militärmedizin kein unbekanntes Phänomen.

So kümmert sich Raffaele Rubino nach den Sprechstunden auch gleich als Erstes um die Einsatzplanung der Ärzte in der MMR 2. Am Nachmittag stehen dann Visiten auf den anderen Waffenplätzen oder Besprechungen mit dem Militärkader vor Ort an. Nach einem erfolgreichen Arbeitstag ist schliesslich noch das Studium von Fachliteratur angesagt. Denn nebst einer attraktiven Work-Life-Balance bietet die Armee auch interessante Fortbildungsmöglichkeiten. Die Arbeitgeberin trägt die vollen Kosten, verpflichtet aber jeden Facharzt im militärärztlichen Dienst, sich pro Jahr im eigenen Fachgebiet mit 50 Credits fortzubilden. Raffaele Rubino schmunzelt: «Das halte ich für eine sehr positive Pflicht.»
 

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