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MitteilungVeröffentlicht am 23. Juli 2026

Als Militärbeobachter zwischen den Fronten

Anfang November 2025 nahm ich meine Tätigkeit als Militärbe­obachter in der Observer Group Lebanon der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) auf. Die Angriffe der Hisbollah aus dem Südlibanon auf Israel und die darauffolgenden verstärk­ten israelischen Operationen im Südlibanon Ende Februar 2026 verschärften nicht nur die Sicherheitslage, sondern wirken sich seither auch auf mein tägliches Leben und meine Arbeit aus.

Major Alessandro Docimo (rechts im Bild) ist seit November 2025 als Militärbeobachter im Libanon. Zu Beginn seines Einsatzes waren Patrouillen noch möglich. Aktuell kann er als Schweizer Offizier der Luftwaffe im Bereich der Lageverfolgung sein Know-how aus der Miliz für die 3D-Überwachung einsetzen, um die Situation auch aus der «dritten Dimension» zu analysieren und das Verständnis des Geländes kontinuierlich zu verbessern.

Text und Fotos Major Alessandro, Militärbeobachter in der UNTSO, Observer Group Lebanon, Südlibanon

Es ist 5.37 Uhr an einem ruhigen Montagmorgen Ende März im Hauptquar­tier der UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) in Naqoura, Südlibanon, wo sich aufgrund der aktuellen Sicherheitslage meine Unter­kunft als Militärbeobachter der Observer Group Lebanon (OGL) befindet. Das 7000-jährige Dorf liegt nur wenige Schritte vom Meer entfernt und nur wenige Kilometer von der Blue Line, der Demarkationslinie zwischen Libanon und Israel. Die Sonne blinzelt am Horizont hervor und verspricht einen sonnigen und milden Tag, wie es für diese Jahreszeit typisch ist. Doch die morgendliche Ruhe währt nicht lange. Ich werde abrupt von zwei lauten Explosionen geweckt, die nur wenige hundert Meter entfernt ausserhalb des UNIFIL-Hauptquartiers zu hören sind. Die israelische Armee (Israel Defence Forces=IDF) dringen seit Ende Februar 2026 erneut in den Süden des Libanon vor und reagieren damit auf die Angriffe der Hisbollah, die in dieser Region stark verankert ist. Soeben haben die IDF ein gesamtes Viertel von Naqoura beschossen und damit eine militärische Aktion ein­geleitet, die den ganzen Tag andauern wird – mit Gefechten von Boden­truppen und Luftangriffen durch Flugzeuge und Drohnen. Ihr Ziel: die Sicherheit Israels gewährleisten und die Angriffe der Hisbollah aus dem Südlibanon unterbinden.

Schäden auch im Camp der Peacekeeper

Wegen der starken Explosionen gibt das UNIFIL-Kommando die Anwei­sung, dass sich alle Personen im Hauptquartier sofort in die Bunker bege­ben sollen, die sich in der Nähe der Unterkünfte und Arbeitsorte befin­den. Ich eile meinen Helm und die Splitterschutzweste anzulegen und greife nach meinem «Go-Bag», einem sorgfältig vorbereiteten Rucksack mit gefriergetrocknetem Essen, Wasser, Medikamenten, wichtigen Dokumen­ten, Bargeld und persönlichen Utensilien, die für das Überleben in einem Bunker auf unbestimmte Zeit erforderlich sind. Nach etwa fünf Stunden, als sich die Situation beruhigt hat, kehren wir an die Arbeit zurück. Die Schäden sind offensichtlich: Die Rollläden sind abgerissen, Bilder zerbro­chen, Glas zersplittert und der Putz von Wänden und Decken abgeblät­tert. Ausserhalb des Hauptquartiers ist das, was einst Wohnhäuser und Infrastruktur war, nur noch ein Haufen rauchender Trümmer aus Beton und Stahl.

Der Lage angepasste Aufgaben

Der laufende Konflikt hat meine Arbeit als Militärbeobachter radikal verän­dert. Vor dem 28. Februar 2026, dem Beginn der Operation Israels, bestand meine Aufgabe darin Vorfälle entlang der Blue Line zu überwachen und zu melden. Gezielte Patrouillen, Untersuchungen von Verstössen gegen die UNO-Resolution 1701, die den Waffenstillstand von 2006 regelt, sowie Interaktionen mit den lokalen Behörden, der IDF und der libanesischen Armee bildeten den Kern meiner Arbeit. Das Ziel war durch Beobachten und Patrouillen den Waffenstillstand zu überwachen und regelmässig an das UNO-Hauptquartier in New York zu rapportieren.

Besonders seit Mitte März 2026 sind die Bedingungen vor Ort zunehmend schwieriger geworden. Der Vormarsch der israelischen Truppen und das wachsende Risiko von Blindgängern und nicht explodierter Munition in strategisch wichtigen Dörfern machten es unmöglich, die unbewaff­nete Patrouillentätigkeit fortzusetzen. Aufgrund der infolge der Gefechts­handlungen verschärften Sicherheitslage in unserem Verantwortungs­raum schränkte die UNIFIL1 meine Aufgaben als Militärbeobachter ein und plante diese neu. In diesem Zusammenhang wurde ich zum Stell­vertreter der Chief Technical Investigation Cell ernannt, die im Auftrag des UNIFIL Force Commanders komplexe Vorfälle untersucht und präzise dokumentiert. Dabei ist es wichtig die geopolitischen und institutionellen Abhängigkeiten zu erkennen, lokale Entwicklungen einzuordnen sowie die Dynamik zwischen Bevölkerung und Behörden ganzheitlich zu verstehen.

Unparteilichkeit als Grundlage unserer Arbeit

Internationale Zusammenarbeit, militärdiplomatisches Geschick, die Fähigkeit zur schnellen Anpassung und ständige Einsatzbereitschaft sind von zentraler Bedeutung, um die aktuelle Situation zu bewältigen. Täg­lich stehe ich unerwarteten Situationen gegenüber, was ein hohes Mass an mentaler und materieller Bereitschaft sowie ein hohes Mass an Diszip­lin erfordert. Dank meiner Einsatzerfahrung vor Ort und meiner Milizfunk­tion in der Schweizer Armee als stellvertretender Abteilungskommandant bin ich in der Lage im Rahmen des UNTSO-Mandats die UNIFIL im Bereich der Lageverfolgung zu unterstützen. Dennoch bleibt meine grundlegende Mission dieselbe: Als Militärbeobachter setze ich mich weiterhin dafür ein Fakten unparteiisch zu rapportieren und die Verbindung zu den Akteuren aufrechtzuerhalten – trotz der surrealen Situation, die derzeit herrscht.

1 Das Mandat der UNTSO umfasst einerseits die Überwachung des Waffenstillstandes sowie der Waffenruhe auf dem Golan und im Südlibanon. Zusätzlich hat sie den beiden Blauhelm-Missionen UNIFIL (UN Interim Force in Lebanon) im Südlibanon und UNDOF (UN Disengagement Observer Force) auf dem Golan bei Bedarf Militärbeobachterinnen und -beobachter zur Verfügung zu stellen.

Auch das im Südlibanon gelegene Dorf Bint Jubayl zeigte ein Bild der Zerstörung und wurde in der Zwischenzeit dem Erdboden gleichgemacht. Zum angepassten Aufgabenbereich von Major Alessandro Docimo zählt ebenfalls die zivil-militärische Zusammenarbeit, im Rahmen derer er mit lokalen Akteuren den Dialog sucht, um geflohene Familien ausfindig zu machen, die dann von NGOs, dem libanesischen Roten Kreuz und anderen UNO-Agenturen mit lebensnotwendigen Gütern versorgt werden.