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«Le chef, c’est celui qui a besoin des autres»

Korpskommandant Philippe Rebord zu den Herausforderungen als Chef der Armee

18.08.2017 | Kommunikation Verteidigung

Herr Korpskommandant Rebord, was hat sich für Sie in Ihrer neuen Funktion als CdA am meisten geändert?

Ich hatte in meiner bisherigen militärischen Laufbahn verschiedenste Chef-Funktionen. Alle umfassten die Verantwortung für ein mehr oder weniger grosses Themengebiet. In meiner neuen Funktion gibt es diese thematische Zuordnung nicht mehr – der Chef der Armee ist für alles verantwortlich. Ich zitiere in meinen Auftritten gerne den französischen Philosophen Paul Valéry: «Le chef, c’est celui qui a besoin des autres». Ich erlebe den Sinn dieses Zitates Tag für Tag. 

Welches ist Ihr Bezug zur Wirtschaft?

Ich durfte insbesondere in den letzten 15 Jahren, als Verantwortlicher für die Rekrutierung, als Brigadekommandant und als Kommandant der Höheren Kaderausbildung (HKA), intensiv mit der Wirtschaft zusammenarbeiten und deren Bedürfnisse kennenlernen. Einen engen Kontakt zur Wirtschaft ermöglichte mir auch meine langjährige Tätigkeit im Vorstand des internationalen Leichtathletik-Meetings «Athletissima» in Lausanne. 

Wie erleben Sie die Vertreter der Wirtschaft?

Ich spüre bei ihnen einerseits ein grosses Bewusstsein dafür, wie wichtig Sicherheit für den Wohlstand der Schweiz und letztlich das Funktionieren der Wirtschaft insgesamt ist. Andererseits stelle ich auch wachsendes Verständnis dafür fest, dass Sicherheit nicht gratis zu haben ist. Entscheidend für dieses im Vergleich zu früher viel bessere gegenseitige Verständnis ist kontinuierliche persönliche Kommunikation. Kann ich im persönlichen Gespräch konkret die Rolle der Armee für die Sicherheit der Schweiz erläutern, ist es später einfacher, einen Arbeitgeber davon zu überzeugen, seinem Mitarbeiter eine militärische Laufbahn zu ermöglichen. Der Wirtschaftsvertreter sieht ja schnell, dass ein militärisch ausgebildeter Mitarbeiter nicht mit leeren Händen ins Unternehmen zurückkehrt. Er erhält nichts weniger als die beste praktische Führungserfahrung und -ausbildung, die in diesem Alter auf dem Ausbildungsmarkt verfügbar ist. Es ist also wichtig, systematisch zu zeigen, was wir tun, und wie wir es tun. So versuchen wir, bei der Wirtschaft Vertrauen zu schaffen, damit sie uns und unser Milizsystem unterstützt. 

Welchen Eindruck haben Sie von den heutigen militärischen Kadern?

Ich kann aus langjähriger Anschauung sagen, dass sie qualitativ mindestens so gut wie zu meiner Zeit sind. Aber: Sie sind fordernder als früher. Das bekommt man insbesondere in der HKA, in der alle Stufen von militärischen Führungskräften ausgebildet werden, im Massstab 1:1 mit: via direkte Reaktion der Teilnehmer im Unterricht oder via am Schluss verteilten Fragebogen. Nicht überzeugende Leistungen werden schonungslos aufgedeckt und angesprochen. Erfreulich ist: Wir haben unser Schicksal in der eigenen Hand. Bereiten wir unsere Trainings und Lektionen sorgfältig vor, stellen wir hohe Anforderungen und erläutern wir immer den Sinn hinter unserem Tun haben wir grosse Chancen, dass wir immer genügend Kader und Mannschaft zur Verfügung haben. 

Die Weiterentwicklung der Armee (WEA) verändert auch die militärische Kaderausbildung. Was wird besser?

Die WEA wird die Führungserfahrung insgesamt massiv stärken, indem wieder jeder militärische Kaderangehörige eine ganze Rekrutenschule absolviert und den letzten Grad komplett abverdient. Zudem verdienen militärische Kader in dieser Zeit einen respektablen Lohn. Sold, Soldzulage und EO machen beispielsweise für einen Zugführer rund CHF 4300 im Monat aus, für einen Kompaniekommandanten CHF 6120. Und schliesslich erhalten angehende Kader künftig ein virtuelles Ausbildungskonto, aus dem sie nach Erbringung ihrer militärischen Dienstleistung Geld für zivile Weiterbildungen auszahlen lassen. Diese Ausbildungsgutschrift kann je nach Grad CHF 4000 bis CHF 14000 betragen. Dieses Gesamtpaket steigert die Attraktivität einer militärischen Karriere meines Erachtens massiv. 

Immer mehr Bildungsinstitutionen anerkennen die höhere militärische Kaderausbildung. Was bedeutet das für Sie?

Diese Anerkennung der praktischen militärischen Führungsausbildung der Schweizer Armee durch massgebliche Schweizer Bildungsinstitutionen ist ein Zeichen dafür, dass sich die Vereinbarkeit von Aus- und Weiterbildung weiter massiv verbessert hat. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass unser Status als schweizweites Kompetenzzentrum für Führung breit anerkannt ist. Ende letzten Jahres durften wir beispielsweise die Pädagogische Hochschule Luzern und die Universität Luzern in den Kreis der anerkennenden Schulen aufnehmen. Neben diesen neuen Vereinbarungen bestehen bereits Anerkennungsvereinbarungen mit den Universitäten Zürich, St. Gallen und Neuenburg sowie mit allen sieben öffentlich-rechtlichen Fachhochschulen im Bereich Wirtschaft. Sie anerkennen damit den Mehrwert der praktischen Führungsausbildung und Führungstätigkeit für Kader der Schweizer Armee. Die Universitäten Basel, Bern und die Universitären Fernstudien Schweiz planen ebenfalls Anrechnungsmöglichkeiten ans Studium.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Ohne Soldaten keine Armee: Das ist meine Hauptherausforderung. Um die von uns zurecht geforderten Leistungen zu erbringen, sind wir darauf angewiesen, dass jährlich 18‘000 Rekruten und Kader ihre Grund-Ausbildung erfolgreich absolvieren. Und: Wollen wir – wie mit der WEA angestrebt – einen Teil der Armee im Bedarfsfall rasch mobilisieren, muss auch die vollständige Ausrüstung vorhanden sein. Das zum Teil Milizarmee. Gleichermassen sind wir aber gefordert, auch über 9150 kompetente und motivierte zivile Mitarbeitende und Berufsmilitärs zu verfügen, welche die Miliz-Armee unterstützen und am Laufen halten. Insbesondere Projekte wie das «Neue Kampfflugzeug (NKF)» und die «Bodengestützte Luftverteidigung (BODLUV) 2020» fordern uns enorm.

Zur Person

Korpskommandant Philippe Rebord

Korpskommandant Philippe Rebord wurde am 16. September 2016 vom Bundesrat zum Chef der Armee ernannt. Korpskommandant Rebord ist in Bovernier VS und Lausanne VD heimatberechtigt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Er studierte an der Universität Lausanne Geschichte, Geographie und Französisch und schloss mit der Licence ès lettres ab. Am 1. Januar 1985 ist er in das Instruktionskorps der Infanterie eingetreten, wo er als Einheitsinstruktor arbeitete und verschiedene Schulen leitete. Nach einem Studienaufenthalt am Collège interarmées de défense in Paris wurde Divisionär Rebord Stabschef der Generalstabsschulen. Auf den 1. Januar 2009 hat ihn der Bundesrat zum Kommandant der Infanteriebrigade 2 ernannt und zum Brigadier befördert. Per 1. Januar 2014 wurde er durch den Bundesrat unter gleichzeitiger Beförderung zum Divisionär zum Kommandant Höhere Kaderausbildung der Armee (Kdt HKA) / Chef Stab Operative Schulung (SCOS) ernannt. Seit dem 1. April 2016 ist er gleichzeitig Stellvertretender Chef der Armee.